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Wutbürger : Die Koalition der Angst

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Diesem Personenkreis ist recht gleichgültig, was die SPD beim Mindestlohn oder was der soziale Flügel der CDU beim Schonvermögen herausgeholt hat. Am Ende muss man die paar Euro mehr mit einer Steigerung der Arbeitsbelastung bezahlen. Das Hotelzimmer muss in fünf statt in sieben Minuten in einen ansprechenden Zustand gebracht werden.

Stolz macht einen das Bewusstsein, dass man sein Geld im Prinzip trotz regelmäßiger Aufstockung selbst verdient. Deshalb kann man die „Hartzer“, die mit leistungslosen Transfereinkommen jonglieren, nicht sonderlich leiden. Politik für die Schwachen und Armen scheint aus der Sicht der Dienstleistungsproletarier in erster Linie jenen zugutezukommen, die kein Problem damit haben, vom Amt abhängig zu sein und sich als staatsabhängiges Prekariat betrachten zu lassen.

Fremdenhass : Angriff von rechts

Die Belange dieser neuen Klasse unserer erweiterten Serviceökonomie kommen in den Erzählungen von starker Wirtschaft, robusten Arbeitsmärkten und einem funktionierenden Sozialstaat nicht vor. Aus diesem Grund schauen die Leute vom Dienstleistungsproletariat mit einem stillen Argwohn auf die Masse der Flüchtlinge, die gerade ins Land kommen. Denn das sind alles potentielle Konkurrenten, die trotz steigenden Bedarfs an Beschäftigten in den Branchen der einfachen Dienstleistung als Reservearmee einsetzbar sind. Die können natürlich nichts dafür, aber das Gesetz der sozialen Zeit besagt: Privilegiert sind die, die zuerst da waren, und erst dann kommen die an die Reihe, die später gekommen sind.

Die Verbitterten aus der Mittelschicht

Ein anderer, für die Stimmung im Lande vielleicht noch entscheidenderer Brennpunkt der sozialen Kohäsion liegt in der Mitte unserer Gesellschaft. Hier geht es um eine Gruppe von Personen, die hoch gebildet sind, relativ gute Berufspositionen bekleiden und mittlere Einkommen beziehen, aber von dem Gefühl beherrscht sind, dass sie durch Umstände, die sie nicht beeinflussen konnten, unter ihren Möglichkeiten geblieben sind.

Die erregen sich über die Gentrifizierung der inneren Stadtbezirke, die zur Vertreibung der angestammten Bevölkerung aus der nivellierten Mittelklasse führt. Sie geraten in Rage über die Einkommen unverantwortlicher Banker, windiger Unternehmensberater und in die Wirtschaft wechselnder Politiker. Sie halten sich selbst für leistungsfähig, kompetenzstark und gut informiert, führen allerdings Beschwerde über eine respektlose Personalpolitik in den Unternehmen und zeigen sich empört über den deregulierten Pumpkapitalismus.

Wir haben es mit einer Gruppe zu tun, die es erlebt hat, wie man trotz guter Bildungsvoraussetzungen und hoher Leistungsbereitschaft die Position vergleichbarer anderer nicht erreicht. Vielleicht weil sie nicht über die alerte Ironie in der Selbstdarstellung verfügen oder weil sie auf den Winner-take-all-Märkten von Sportmedizinern, Webdesignern oder Gartenarchitekten auf der Strecke geblieben sind.

Bei Befragungen bilden diese Verbitterten aus der deutschen Mittelklasse eine Gruppe von gut 10 Prozent. Sie geben auf Nachfrage oftmals eine Situation „prekären Wohlstands“ an, wo aufgrund erheblicher Bildungsinvestitionen für die Kinder spürbare Abstriche bei den Mitteln für die eigene Lebensführung zu machen sind. Der BMW, der Eames Lounge Chair und die Fotosafari nach Namibia, die vergleichbare andere sich leisten können, sind bei ihnen einfach nicht drin.

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