https://www.faz.net/-gpf-87o82

Denk ich an Deutschland 2015 : Der Westen liegt heute im Osten

Eine Frau verlässt ein Geschäft mit traditionell ukrainischer Kleidung und Souvenirs in Kiew. Bild: dpa

Sollten die Staaten der Europäischen Union wegschauen oder eingreifen? In der vom Krieg zerrissenen Ukraine entscheidet sich viel mehr als das Schicksal eines einzigen Landes.

          12 Min.

          An der Strandpromenade der ukrainischen Stadt Mariupol am Asowschen Meer ist es an einem Abend im August während eines Artillerieüberfalls auf die Vororte zu einem Zwischenfall gekommen. Im „Garten“, einem der letzten Terrassenlokale, die noch bis in die Nacht öffnen, seit Krieg ist und die Urlauber nicht mehr kommen, gab Galina Odnorog, Mitglied einer Bürgerinitiative, die den Widerstand der Stadt gegen die russischen Truppen draußen vor den östlichen Vierteln organisiert, ein Interview.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war zehn Uhr, und gerade hatte sich ein Kämpfer des ukrainischen Freiwilligenbataillons „Donbass“, das von Odnorog und ihren Freunden mit Schutzwesten, Schuhen sowie selbstgefrästen Schalldämpfern für Sturmgewehre versorgt wird, zu einem Plausch dazugesetzt. Der Seewind brachte Kühlung nach der Hitze eines ukrainischen Sommertages, und auf der Tanzfläche hatten die ersten Paare begonnen, sich zu russischen Romanzen zu wiegen.

          Der Zwischenfall ereignete sich, als von jenseits der Bucht, wo hinter den Stahlwerken das Separatistengebiet beginnt, die ersten Salven über das Wasser rollten. Sogleich klingelten an allen Tischen die Telefone. Angespannte Gesichter im Licht der Bildschirme, gedämpfte Rufe rechts und links. Dann, von allen Seiten, die gleichen Worte: „152 Millimeter“, „Haubitze“, „Uragan“ – die Kaliber und Waffentypen dieses Krieges; zuletzt dann aber nur noch dieses eine Wort: „Sartana“ – der Name eines Vororts an der „Kontaktlinie“.

          Bald wussten es alle: Wieder einmal hatten die prorussischen Kämpfer einen Vorort Mariupols angegriffen – jener Stadt, durch deren Besitz die Ukraine den strategisch unersetzlichen „Korridor“ zwischen Russland und der 2014 annektierten Halbinsel Krim kontrolliert. In Sartana hatten sie ein Wohngebiet getroffen, zwei waren tot, sechs verletzt. Einem Mädchen werde man wohl ein Bein abnehmen müssen.

          „Sie tanzen auf den Knochen der Menschen!“

          All dies wussten alle nach wenigen Minuten – und dennoch zerfiel die Abendgesellschaft sogleich in zwei Gruppen. Die einen horchten noch einmal über die Bucht, wie um sich zu vergewissern, dass tatsächlich nur auf Sartana der Tod regnete, dann kehrten sie zur Tanzfläche zurück, wo die Musik immer noch spielte. Die anderen kehrten nicht zurück.

          Die Freiwilligen vom Bataillon liefen zu ihren Autos, nachdem auch bei ihnen das Telefon geschrillt hatte. Galina  Odnorog, die als eine der Ersten verstanden hatte, was vorging, war zu diesem Zeitpunkt schon wie ein Dämon auf den Geschäftsführer zugeschossen und verlangte nun, Musik und Tanz sofort einzustellen. „Die machen einfach weiter!“, schrie sie in den schon abnehmenden Geschützdonner, als keiner reagierte. „Machen weiter und haben schon alles vergessen! Tanzen auf den Knochen der Leute!“

          Der Manager schwieg, die Paare wiegten sich. Noch einige Minuten versuchte Odnorog, ihnen immer noch schreiend zu bedeuten, dass niemand auf der ganzen Welt je zu ihnen halten werde, zu den Menschen von Mariupol, wenn sie selbst jetzt nicht zu den Menschen von Sartana hielten, ihren Mitbürgern.

          Als niemand reagierte und der Manager murmelnd zu bedenken gab, da könne er ja gleich dichtmachen, wenn er bei jedem Schuss die Musik abstellte, stieg Galina Odnorog in ihren mit Splitterschutzwesten, Flugblättern und Rettungsdecken vollgestopften Mitsubishi und brauste zum Krankenhaus, um nach den Verletzten zu sehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fast alle arbeiten derzeit mobil: Im leeren Newsroom hält der Ressortleiter der Online-Politik die Stellung

          Großes Leserinteresse : F.A.Z. steigert digitale Zugriffe um 80 Prozent

          Das Coronavirus sorgt für ein großes Informationsbedürfnis. Der F+Zugang zu FAZ.NET komplett für 1 Euro in der Woche findet in wenigen Tagen 10.000 neue Abonnenten. Die Gesamtzahl der Digitalabonnenten übersteigt nun 150.000. FAZ.NET hat im März mehr als 120 Millionen Visits verzeichnet. Das ganze Haus organisiert sich digital neu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.