https://www.faz.net/-gpf-8lfey

Denk ich an Deutschland 2016 : Wenn die Gefahr näher kommt

Polizisten sichern nach dem Anschlag in Ansbach den Tatort. Bild: Reuters

Die Anschläge in den europäischen Nachbarländern haben die Deutschen verunsichert. Viele fragen sich: Importieren Flüchtlinge die Gewalt?

          3 Min.

          Vor 15 Jahren bekamen die Deutschen einen völlig neuen Begriff von terroristischer Bedrohung. Terror im eigenen Lande war bis dahin der Terror der RAF, Terror von links, Terror, der nicht willkürlich größere Bevölkerungsgruppen traf, sondern gezielt Mitglieder der politischen oder wirtschaftlichen Elite. Wer nicht zu dieser Elite gehörte – und sei es als Fahrer –, konnte leidlich sicher sein, vom Terror nicht getroffen zu werden.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Dann wurden ausgerechnet in Deutschland jene Anschläge vom 11. September 2001 vorbereitet, die zum Inbegriff der Bedrohung der westlichen Welt durch den islamistischen Terrorismus wurden. Unbemerkt von den deutschen Geheimdiensten, wurde in Hamburg die Zerstörung des World Trade Center geplant. Zwar hatte es in anderen Teilen der Welt längst islamistische Angriffe gegeben, für die meisten Deutschen war es aber eine neue Erfahrung.

          Die Politik reagierte sofort und sehr entschlossen. Eine rot-grüne Bundesregierung verschärfte die Sicherheitsgesetze, ohne zu zögern; der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder legte ein Solidaritätsversprechen gegenüber dem getroffenen Verbündeten Amerika ab. Deutschland hatte den islamistischen Terror als Bedrohung angenommen.

          Seither hat das Gefühl, bedroht zu werden, immer weiter zugenommen. Dabei sind wir lange Zeit verschont geblieben. Anschläge wurden geplant, doch keiner wurde vollendet. Die Pläne der Sauerland-Gruppe wurden durch Hinweise des amerikanischen Geheimdienstes frühzeitig entdeckt und konnten rechtzeitig durchkreuzt werden. Andere Anschlagsversuche scheiterten aus technischen Gründen, etwa weil Sprengladungen nicht explodierten.

          Der Terror trifft Deutschland, auch wenn er woanders zuschlägt

          Doch die Sorge, Opfer eines Anschlags zu werden, wuchs gleichwohl. Die Mehrzahl der Politiker wollte sich auf keinen Fall dem Vorwurf aussetzen, eine Gefahr unterschätzt und zu wenig getan zu haben. Zwischen 2001 und heute steigerten die Verantwortlichen ihre Rhetorik. Hieß es anfangs, Deutschland könne auch von einem schweren Anschlag mit vielen Toten getroffen werden, so wird dieses inzwischen von der Bundesregierung fast als sicher, nur der Zeitpunkt als ungewiss dargestellt. Die Angst ist so stark gewachsen, dass eine rechtskonservative Partei mit xenophober Rhetorik und der Warnung vor der Bedrohung durch islamistische Gewalttäter auf bundesweite Umfragewerte von zehn Prozent kommt.

          Probleme bei der Integration : De Maizière: „Bedeutung von Religion unterschätzt"

          Dass die Angst so wächst, obwohl es bislang so wenige Opfer gab, liegt auch an den zahlreichen Attentaten von Islamisten in den europäischen Nachbarländern. Nach „9/11“ wurden Großbritannien und Spanien schwer getroffen, in jüngerer Zeit vor allem Deutschlands engster Partner Frankreich. Selbst das so viel kleinere Belgien hat weit mehr Opfer durch islamistischen Terror zu beklagen. Auch in den Vereinigten Staaten gab es immer wieder Anschläge mit Todesopfern.

          Außenpolitik durch Anschläge

          Noch mehr verschiebt sich die Perspektive, wenn man von Deutschland aus nach Südosten blickt. Vor allem die Türkei leidet enorm unter Anschlägen mit vielen Toten, zum Teil von Islamisten verübt, zum Teil allerdings auch von der kurdisch-separatistischen PKK. Vor allem aber sterben Menschen in Ländern des Nahen Ostens, im Irak und in Syrien, durch islamistische Anschläge. Seit einiger Zeit werden sie verstärkt von dem „Islamischen Staat“ verübt.

          Im März zündeten Attentäter im Brüssler Flughafen Zaventem mehrere Sprengsätze.
          Im März zündeten Attentäter im Brüssler Flughafen Zaventem mehrere Sprengsätze. : Bild: dpa

          Für die Islamisten ist es natürlich schwieriger, Anschläge in der Ferne, in Amerika oder Europa, zu planen und auszuführen. Sie tun es dennoch, um dem Westen zu zeigen, welch langen Arm sie haben. Jeder Anschlag schließt die Botschaft ein, dass eine Einmischung in den Krisen- und Kriegsregionen des Nahen Ostens Auswirkungen bis nach New York, Brüssel und Paris haben kann.

          Täter in Deutschland vom „IS“ gesteuert

          Oder bis nach Ansbach und Würzburg. Dort wurden knapp 15 Jahre nach „9/11“ erstmals auf deutschem Boden Menschen zu Opfern islamistischer Terroristen. Glücklicherweise starben nur die Täter und keines ihrer Opfer. Dennoch ist die Botschaft, dass auch Deutschland im Visier der Islamisten ist, noch nie so klargeworden wie durch diese beiden Taten.

          In den Nachbarländern Frankreich und Belgien wurden die Anschläge von Islamisten begangen, die lange im Land lebten und die Landessprache sprachen. Zwei Merkmale einer Integration immerhin. Die Täter von Ansbach und Würzburg standen nach bisherigen Ermittlungen im Kontakt mit dem „IS“, wurden sogar bis unmittelbar zur Tat von einer Kontaktperson aus dem Nahen Osten gesteuert. Sie waren erst seit kurzer Zeit in Deutschland, waren als Asylsuchende hierhergekommen. Zwar hatte vor allem der Mann, der in einem Vorortzug bei Würzburg mit einer Axt auf Passagiere einschlug, schon erste Merkmale einer gelingenden Integration gezeigt. Er hatte immerhin bei einer Familie gewohnt. Doch im Vergleich zu den Tätern von Paris, Nizza oder Brüssel waren beide Täter so gut wie gar nicht in Deutschland integriert.

          Es könnte sich also um eine neue Art von Tätern handeln. Zwar sollte die terroristische Gefahr nicht überbewertet werden, die durch die große Zahl von Flüchtlingen mit nach Deutschland gekommen ist. Das Gegenteil wäre aber ebenso fahrlässig. Es ist also wichtig, dass Politik und Behörden nicht nur die klassischen Sicherheitsgesetze verschärfen, sondern auch darauf achten, dass Integration nicht auf solche Weise massenhaft scheitert, wie es in Frankreich und Belgien geschehen ist.

          Weitere Themen

          Berlin bietet Griechenland Hilfe an Video-Seite öffnen

          Nach Brand in Moria : Berlin bietet Griechenland Hilfe an

          Nach der Brandkatastrophe im griechischen Flüchtlingslager Moria sprechen sich deutsche Politiker verschiedener Parteien für die Aufnahme von Flüchtlingen aus. Bundesaußenminister Heiko Maas von der SPD mahnt schnelle Hilfe für Griechenland an.

          Topmeldungen

          Donald Trump geht während des Nato-Gipfels in Großbritannien am 4. Dezember 2019 an Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel vorbei.

          Donald Trump oder Joe Biden? : Was für den Westen auf dem Spiel steht

          Eine Wiederwahl Donald Trumps wäre vielleicht das Ende des Westens. Doch leicht hätten es die Europäer auch mit einem Präsidenten Joe Biden nicht. Seine Außenpolitik liefe wohl auf ein „America first light“ hinaus.
          Demonstration gegen den Lockdown im Madrider Arbeiterviertel Vallecas

          Ausgangssperren in Madrid : Lockdown nur für Arme?

          In Madrid hat die Regionalregierung vor allem in den ärmeren Vierteln Ausgangssperren verhängt. Die Bewohner sind empört und werfen der Regierung Diskriminierung vor. Zu Tausenden ziehen sie auf die Straße.

          Schrumpfende Biodiversität : Die Arithmetik des Artentods

          Biodiversitätsforscher sind auf der Suche nach einer griffigen Formel, um das anthropozäne Massensterben zu stoppen. Zwei deutlich verschiedene Wege werden derzeit debattiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.