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Rückblick Bundestagswahl 2005 : Euch hab’ ich’s gezeigt

  • -Aktualisiert am

Beugt euch nicht dem Machtanspruch der anderen Seite: Merkel und Schröder beim Händedruck Bild: Action Press

Abgerechnet wird zum Schluss: am Wahlabend. Dann grinsen die Sieger, und die Verlierer tun so, als sei nichts gewesen. Oder sie gehen ins Fernsehen und zocken. Die Geschichte eines Auftritts.

          3 Min.

          Ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen.“ Es ist der 18. September 2005, die Wahllokale sind längst geschlossen, und in der „Berliner Runde“ läuft Gerhard Schröders größter Fernsehauftritt. „Da müssen Sie, Frau Merkel, mal sagen, ob Sie sich vorstellen können, mit einer Koalition zu regieren, die besteht aus Herrn Westerwelle und dem Nachfolger von Herrn Fischer. Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein.“ Der Kanzler poltert.

          Dem Moderator, weil der in der Anrede dauernd noch von dem staatsmännischen „Herr Bundeskanzler“ ins schlichte „Herr Schröder“ wechselt, ruft der Kanzler das legendäre „Sie können auch Otto zu mir sagen“ zu. Im Willy-Brandt-Haus sitzen sie im obersten Stock im Eckzimmer des Vorsitzenden - Franz Müntefering, seine Frau Ankepetra, Schröders Frau Doris, Mitarbeiter der beiden SPD-Gewaltigen und natürlich Kajo Wasserhövel, der Wahlkampfleiter. Sie schauen Schröder zu. Ihre Stimmung schwankt zwischen skeptischem „Oh je, was macht der Gerd denn da“ und begeistertem „Vorwärts, Gerd“.

          Immer bessere Zahlen

          Ein Wahlabend, wie er im Buche steht. Tage zuvor noch Depressionen in der SPD; die Partei im Keller; die Kanzlerschaft verloren. An das Wunder von 2002, als Schröders Gegner Edmund Stoiber in München als Sieger ins Flugzeug stieg und als Verlierer in Berlin landete, glaubten sie nicht mehr. Doch dann: 20 000 Leute am Römer in Frankfurt zwei Tage vor der Wahl, Schröder heiser, nach mehr als hundert Auftritten. Rückfahrt. Ein Demoskop meldet sich: Immer besser würden die Zahlen und Prognosen.

          Sonntags dann, mittags, sitzen im Kanzleramt die Vertrauten beisammen. Schröder, Peer Steinbrück, Otto Schily, natürlich Frank-Walter Steinmeier, der Chef des Kanzleramtes. Heiko Geue, Steinmeiers Büroleiter, steckt ihnen einen Zettel zu. Die Institute sagen steigende Werte für die SPD voraus. Steinbrück, der im Mai Nordrhein-Westfalen verloren hat, jetzt aber für neue Aufgaben vorgesehen ist, zeigt sich begeistert: Geue soll rausgehen und dann mit noch besseren Zahlen wieder reinkommen.

          Schröder fährt hinüber in die Parteizentrale. Es ist nicht mehr so wie früher zu Adenauers Zeiten, als die Polit-Junkies bis zum Morgen Wahlkreisergebnis für Wahlkreisergebnis auf einen Trend hin untersuchten. Es ist auch nicht mehr so wie zu Schmidts und Kohls Zeiten, als erst die Hochrechnungen von 18.30 Uhr an Auskünfte über das Ergebnis brachten. Die Prognosen, veröffentlicht mit der Schließung der Wahllokale, intern aber Stunden früher bekannt, sind das Maß aller Dinge.

          Adrenalin und Endorphine

          Gegen 17 Uhr sind die Werte valide. CDU - schlechter als gedacht, aber vorn. SPD - besser als befürchtet, aber auf Platz zwei. Schröder und Müntefering reden über den fälligen Fernsehauftritt. Der Kanzler wendet sich an seinen Vorsitzenden. Schröder: „Franz, du gehst ins Fernsehen.“ Müntefering: „Nein, Kanzler, du musst.“ Schröder bleibt hart - vorerst. Müntefering geht hinunter ins Atrium des Willy-Brandt-Hauses. „Das Land wird Gerhard Schröder als Bundeskanzler haben.“ Jubel. Wein und Bier und etwas zu essen, wie es so ist auf den Wahlpartys.

          Zigarettenqualm, damals noch. Zehn Punkte seien im Wahlkampf wettgemacht worden, von 24 auf 34. „Die Menschen haben Vertrauen zu Gerhard Schröder. Sie haben kein Vertrauen zu Frau Merkel.“ Kurze Sätze, das lieben Münteferings Sozialdemokraten. Nochmals fährt der Vorsitzende hinauf ins Eckzimmer. Im Fernsehen wird von einem neuen Trend gesprochen: Überhangmandate für die SPD, wie 2002. Schröder wechselt die Meinung. Fernsehauftritt? „Das muss ich jetzt machen.“ Müntefering findet es, natürlich, richtig. Wasser und Tee haben sie getrunken, kein Bier und keinen Wein und keinen Sekt.

          Unten im Atrium sind die Leute immer noch begeistert. Schröder kommt. „Gerhard, Gerhard.“ Der Meister reckt die Daumen, wie immer in den vergangenen Monaten. „Ich bin stolz auf die Menschen im Land.“ Einen Führungsanspruch der Union, gar Angela Merkels? „Das wird es nicht geben.“ Müntefering steht und strahlt. Alles könnte geklappt haben - zu guter Letzt. Das Vorziehen der Bundestagswahl, wegen NRW. Der Wahlkampf, obwohl der doch unter dem Mangel litt, eine Koalition fortzusetzen, die man soeben beendet hatte.

          „Ich fühle mich bestätigt, dass es auch in Zukunft eine starke Regierung unter meiner Führung geben wird“, brüllt der Kanzler. Das wollen die Leute hören. Er schimpft auf die „Macht der vermachteten Medien“. Der Wahlkampf ist nicht beendet. „Beugt euch nicht dem Machtanspruch der anderen Seite.“ Jubel. „Beugt euch nicht.“ In der Pose „Euch hab’ ich’s gezeigt“ geht der Kanzler an den Journalisten vorbei. Ab ins Fernsehen. „Meinen Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge?“ Der Rest der Runde guckt konsterniert.

          Im Willy-Brandt-Haus feiern sie weiter. Nur Doris, Schröders Frau, findet den Auftritt „suboptimal“, weil nicht staatsmännisch. Versuche, seinen Auftritt zu erklären, wenn schon kein Alkohol im Spiel gewesen sei: Adrenalin, natürlich. Und Endorphine, wie von Drogenexperten körpereigene Glückshormone genannt werden. Zwei Tage später. Zigarre. Bela Anda, sein Sprecher, ist auch dabei. Ob sein Auftritt geschadet habe? „Weiß ich nicht.“ Er habe so sein müssen. „Sach mal, Bela, was sind eigentlich Endorphine?“

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