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Philosophie : Auskunft über die tieferen Dinge

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Bei Beerdigungen sagt man gerne, die Predigt, eine Gedenkrede oder die Anwesenheit eines bestimmten Trauergastes hätte dem Verstorbenen gefallen. Das soll die Lebenden trösten; den Toten hilft es nicht mehr. Wenigstens der Heldentod ist hierzulande weitgehend aus der Mode gekommen, glücklicherweise; deshalb muss man ihn auch nicht mehr theatralisch nachstellen. Bild: Emil Hardt / Heimat und Geschichtsverein Wipperfürth

Sieben philosophische Fragen, die Sie sich im Leben mal gestellt haben sollten.

          3 Min.

          1 Kann ich mein Leben ändern?

          Natürlich können Sie das! Jeden Tag zehn Kilometer joggen, das bringt wahren Wandel. Doch so war die Frage natürlich nicht gemeint: Wer ihre mögliche Wucht erfassen will, denke eher einen 40 Jahre alten Menschen vor dem Badezimmerspiegel, der tief in seinem Innern eine Stimme hört, die mahnt: „Das ist nicht dein Leben! Das bist nicht du!“ Ein Ruf, der auf den Kern der eigenen Existenz zielt, sie radikal in Frage stellt. Fast jeder erwachsene Mensch hat diese Stimme schon einmal vernommen. Sie steht auch am Anfang der Philosophie.

          2 Wer spricht, wenn ich spreche?

          Klar, das ist Ihre Stimme, unverwechselbar, auf jeder Mailbox sofort zu erkennen. Aber was ist mit dem, was Sie sagen? Was immer Sie anderen mitteilen, Sie werden es in einer Sprache tun. Und zwar in einer Sprache, die aus Wörtern und Regeln besteht, auf die Sie keinen prägenden Einfluss hatten. Jedes Wort, jeder Begriff, jeder Gedanke, der Ihren Mund verlässt, ist zuvor schon durch zahllose Münder gegangen. Sind Sie also wirklich sicher, dass Sie es sind, der spricht? Haben Sie wirklich eigene Gedanken? Nennen Sie einen, einen einzigen!

          3 Lohnt sich Moral?

          Eindeutige Antwort: Nein. Jedenfalls nicht immer. Und schon gar nicht, sollte „Lohnen“ im Sinne der Ökonomie als Maximierung des eigenen Nutzens verstanden werden. Das liegt vor allem daran, dass es bei moralischen Fragen um die wahrzunehmenden Bedürfnisse anderer Wesen geht. Wer sich also ernsthaft die Frage stellt, ob es sich für ihn selbst lohne, moralisch zu sein, zeigt damit nur, dass ihm der Witz daran, was es bedeuten könnte, ein moralisches Lebens zu führen, bislang entgangen ist. Mit solchen Menschen sollte man nicht argumentieren. Sie verdienen vielmehr Zurechtweisung. Noch besser: liebende Zuwendung. Das hilft, manchmal.

          4 Womit habe ich das verdient?

          Sei es frühzeitiger Haarausfall, ein deutlich zu geringes Einkommen oder die Flausen des pubertierenden Sprösslings, gar oft fühlt sich das Leben ungerecht an. Klärend kann hier die philosophische Urfrage wirken, was Gerechtigkeit eigentlich sei und wie sie zu bestimmen wäre. Lebensweltlich noch hilfreicher allerdings wirkt die von Philosophen wie etwa Friedrich Nietzsche vertretene Einsicht, die dauerhafte Existenz eines eigenen „Ich“ stelle eine Illusion dar. Ist man erst einmal so weit, hört man auf, Schicksalsschläge persönlich zu nehmen, und empfindet sich nicht mehr als Zielscheibe des gesamten Universums. Die wenigsten freilich kommen so weit. Ich, zum Beispiel, versuche es noch immer.

          5 Spürst du das auch?

          Ein kleiner Test: Zwicken Sie sich fest in den Unterarm. Spüren Sie es? Gut. Nun zwicken Sie Ihren Partner fest in den Unterarm. Spüren Sie es? Nein. Ihr Partner tut es. Was er in diesem Moment spürt, wissen Sie allerdings nicht und können es auch nicht wissen. Denn niemand kann aus der jeweils eigenen Empfindungs- und Denkwelt heraus. Niemals. Bei neurotischeren Naturen kann diese vermeintliche Einsicht zu der Ahnung führen, man könne das einzige fühlende und denkende Wesen auf dem Planeten sein (da man selbiges von anderen ja, streng genommen, nicht wissen könne). Kein schöner Zweifel. Er macht einsam und eitel. Vieles an ihm ist faul. Nur, was genau?

          6 Gibt es Gott?

          Eine lebendige Frage. Zunächst gilt, Kant sei Dank: Die Existenz Gottes lässt sich nicht beweisen. Genauso wenig besteht allerdings aus logischer Sicht die Möglichkeit, die Nicht-Existenz von etwas zu beweisen, seien es Seemonster, Massenvernichtungswaffen oder höchste Wesen. Damit ist die Diskussion der Ebene des Wissens entzogen. Das entscheidende Verb lautet: glauben. Im Deutschen wird es wesentlich in zwei Formen verwendet: als „glauben, dass ...“ und „glauben an“. 90 Prozent der Streitereien zwischen der sogenannten Naturwissenschaft und der Religion ließen sich vermeiden, machte man sich nur die Bedeutung dieser kleinen sprachlichen Differenz klar. Denn gläubige Menschen machen in Bezug auf ihren Glauben keine Faktenaussagen (das wäre das „glauben, dass ...“), sondern sie glauben an - Ihn: an seine Präsenz, an seine Gebote, an die Welt, die Er in Aussicht stellt. Nichts, was in der Welt ist, kann diesen Glauben zwingend widerlegen. Die Frage bleibt offen wie eine Wunde.

          7 Was bleibt von mir?

          Die Welt, das darf als gewiss gelten, wird sich auch ohne Sie weiter drehen. Nach derzeitigen Schätzungen noch mehrere Milliarden Jahre. Das ist viel Zeit. Wer mutig in diesen Abgrund blickt, wird deshalb kaum die Erkenntnis vermeiden können: Da bleibt nicht viel übrig. Da bleibt am Ende nichts. Psychologisch ist das kränkend, existentiell verunsichernd, religiös kaum zu akzeptieren. Philosophisch hingegen kann es der Anfang eines sinnvollen und reichen Lebens sein. Ein Leben, an dessen Ende doch etwas stände und sich vielleicht sogar fortsetzte, nämlich die Art und Weise, wie Sie sich den wesentlichen Fragen Ihres Lebens gestellt haben. Noch Fragen?


           

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