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Migrationsstadt Mannheim : Else Kling wohnt hier nicht mehr

Fast die Hälfte der Einwohner Mannheims hat einen Migrationshintergrund. Das Gemeinschaftsgefühl der Stadt muss erst wieder wachsen. Bild: LAIF

In Deutschlands Städten sind die Milieus verschiedener Einwanderergruppen oft zersplittert, viel sozialer Zusammenhalt ist zerstört. Wie kann da Kommunalpolitik gelingen? Das Beispiel Mannheim.

          6 Min.

          Die Sommerhitze lässt vom Asphalt der Mannheimer Gartenfeldstraße nicht die besten Gerüche aufsteigen. Die Straßenkneipe „Helga’s Zapfhahn“ hat noch geschlossen. Arbeitslose führen ihre Hunde aus und beseitigen den Dreck nur widerwillig. Ein paar offenbar arabischstämmige Halbstarke spielen auf Parkbänken, die im Schatten liegen, mit ihren Smartphones. Die Gartenfeldstraße und die nicht weit entfernte Paul-Gerhardt-Kirche liegen im Mannheimer Stadtteil Neckarstadt West. Ein Quartier, das gern Problembezirk genannt wird und in dem sich viele Schwierigkeiten zeigen, die mittelgroße Städte in Deutschland und Europa heute haben – eine Migrationsquote von gut sechzig Prozent, eine hohe Einwohnerdichte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          In der Neckarstadt West leben 21 000 Menschen auf gerade mal 1,1 Quadratkilometern. Hohe Arbeitslosigkeit. Öffentliche Verwahrlosung. Auflösung herkömmlicher lokaler Gemeinschaften. Aufsplitterung in viele kleine Milieus – die Transformation eines ehemaligen Arbeiterquartiers in ein multiethnisches Einwandererquartier hat viel sozialen Zusammenhalt zerstört. Ihn neu zu schaffen ist eine Sisyphusarbeit für Quartiermanager und Sozialarbeiter.

          Gabriel Höfle ist eigentlich Wirtschaftsingenieur, 2007 wurde er Quartiermanager in der Neckarstadt West. Er lebt in diesem Stadtteil, sein Büro ist im Alten Volksbad, in dem auch ein paar Unternehmen der Kreativbranche angesiedelt wurden. Wenn Höfle durch sein Quartier geht, erkennt er schnell, wo Neues entsteht und wo sich Probleme auftürmen. In einigen Straßen haben sich ein paar Hipster-Modeläden angesiedelt, sie sind noch Solitäre in ziemlich trostlosen Straßenzügen. „Der Solidargedanke lag hier lange brach, die Anonymität im öffentlichen Raum ist auch heute noch ausgeprägt“, sagt Höfle. „Wir brauchen hier keine Else Kling, aber Identifikation mit dem Quartier.“

          Die Sozial- und Vereinsstruktur der Neckarstadt West ist heute eine komplett andere als vor zwanzig Jahren. Der Bürgerverein organisiert erstmals seit Jahren kein Stadtteilfest mehr, der Gewerbeverein hat sich sogar aufgelöst. Alteingesessene Geschäfte sind von Döner-Restaurants oder von Läden mit türkischen Haushaltswaren verdrängt worden. Die Fluktuation ist sehr hoch, bei etwa 21.000 Einwohnern wandern jedes Jahr etwa 4500 ab und kommen ähnlich viele neue hinzu. Der Anteil ausländischer Einwohner in der Neckarstadt West ist seit 2006 noch einmal um zwanzig Prozent gestiegen. Seit 2013 hat die Zuwanderung von Armutsflüchtlingen aus Rumänien und Bulgarien die Lage zeitweise so verschärft, dass sich sogar der Bundespräsident und die Ausländerbeauftragte aus dem Kanzleramt einfliegen ließen.

          Die Stadtgemeinschaft zerfällt in einzelne Milieus

          Fast sechzig Prozent der Neckarstadt-West-Bewohner werden von Milieutheoretikern als Hedonisten beschrieben. „Es gibt hier außerdem Benachteiligte, Experimentalisten und viele in religiösen Milieus verwurzelte Bürger“, erläutert Höfle. „Das ist eine bunte Mischung, aber alle haben eines gemeinsam: Sie sind für die klassische Politik schwer zu erreichen.“ Parteien, Vereine, Bezirksbeiräte spielen im Prinzip keine Rolle mehr außer für die Vorsitzenden und Amtsinhaber selbst. Früher waren achtzig Prozent der Jugendlichen in einem Verein, heute sind es bestenfalls vierzig Prozent. Es fehlt in der Neckarstadt West immer noch ein Gymnasium. Neu entstehen nur kleine Vereine, die zumeist Partikularinteressen durchsetzen wollen: von Zugezogenen, die ihr Gemüse beim Biobauern aus dem Umland kaufen wollen; oder Vereine von Einwanderern zur Pflege ihrer importierten Kultur.

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