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Migrationsstadt Mannheim : Else Kling wohnt hier nicht mehr

Einen Steinwurf vom Rathaus entfernt ist das Büro der Konversions-Geschäftsstelle. Seit 2011 versucht Konrad Hummel, aus ehemaligen Panzerunterständen und Soldatenwohnungen der amerikanischen Streitkräfte neue, urbane Stadtteile zu entwickeln. Insgesamt misst die Fläche 500 Hektar. Die „Turley Barracks“ sollen eine Art Mannheimer Soho werden. Zu den Problemen mittlerer Großstädte fällt ihm auf Anhieb ein klarer Satz ein: „Der Sozialstaat arbeitet wie ein Hamster. Er gibt immer mehr Geld für immer mehr Gruppen aus, aber das Gefühl von Zusammenhalt nimmt trotzdem immer weiter ab.“

Hummel hat das mitbekommen, weil er für die Gestaltung der ehemaligen Militärflächen viele Bürgerversammlungen und Anhörungen besuchen musste. Er hat dabei erfahren, dass sich junge Menschen stärker für die Wale in Neuseeland interessieren als für die Zukunft ihres Quartiers. Die soziale Kohäsion werde unterspült, die sozialen Umgangsformen unterlägen keiner öffentlichen Kontrolle mehr, meint Hummel. Natürlich existierten auch „Parallelgesellschaften“, aber das sei kein Weltuntergang, man müsse nur begreifen, dass Politik mehr als früher eine „ständige Verhandlungsarbeit“ sei. „Als Politiker“, sagt Hummel, „kann ich mich nicht darauf konzentrieren, nur die Bürger mehr abstimmen zu lassen. Damit stärke ich die Neurotiker. Es ist nicht jede Bürgerinitiative gut, es gibt nicht automatisch den guten Bürger und den bösen Staat.“

Wie der kleine, stinkende Neumarkt-Platz zum Kulturtreff wurde

„Hello Neckarstadt“ steht auf einer Schiefertafel am Neumarkt. Bis vor einem Jahr war auch dieser zentrale Platz in der Neckarstadt West im Besitz der Obdachlosen und der Hunde. Eine unappetitliche und unwirtliche No-go-Area. Dann hatten Julian Bender, Ricarda Rausch und Ali Badakshan Rad die Idee, aus dem verwanzten Kiosk einen Kulturkiosk zu machen. Sie hatten schon in anderen Stadtteilen leerstehende Räume mit ihrem Verein „Zwischenraum“ wieder zu einer sinnvollen Nutzung geführt. Sie bauten mit Hilfe des Quartiermanagers einen öffentlichen Bücherschrank auf, begannen mit Open-Air-Lesungen und kleinen Konzerten. Sogar eine Shakespeare-Inszenierung gab es kürzlich auf dem Neumarkt. Jetzt trinken viele Neckarstädter im Kioskgarten eine italienische „Limonata“ oder ein Craft Beer. Demnächst soll hier zur Stärkung des Quartiers auch das Stadtarchiv angesiedelt werden.

„Emotionale und soziale Stabilisierung“ nennt das der OB. Bis so etwas wie eine Gentrifizierung einsetzt, wird es aber wohl noch Jahre dauern. Wie beschwerlich und äußerst komplex es ist, bis in anonymisierten, multiethnischen und multireligiösen Vierteln wieder selbstbewusste Stadtgesellschaften erwachsen, wird häufig vergessen, wenn über Einwanderung diskutiert wird. Der Kiosk ist ein sehr kleiner Schritt auf einem langen Weg zu einer neuen Stadtgesellschaft.

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