https://www.faz.net/-gpf-87ycm

Migrationsstadt Mannheim : Else Kling wohnt hier nicht mehr

Fremdenhass : Angriff von rechts

In der Nachkriegszeit wurde Mannheim über Jahrzehnte vorwiegend sozialdemokratisch regiert. Ein Oberbürgermeister hatte schon viel gewonnen, wenn er eine Gewerkschaftsversammlung bei den Motoren Werken Mannheim absolvierte, die in der Neckarstadt West früher ihren Firmensitz hatten. Wenn er dann noch bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung der Caritas vorbeischaute, hatte er die wichtigsten Multiplikatoren für Arbeiterschaft und Bürgertum erreicht. Damit ist es heute nicht getan. Wie zäh Politikvermittlung in multiethnischen und multireligiösen Stadtteilen sein kann, zeigte sich erst im Juli bei der Oberbürgermeisterwahl. In den Innenstadtvierteln Jungbusch und Neckarstadt West – beide haben einen hohen Anteil an Einwanderern und Studenten – lag die Wahlbeteiligung bei 18,1 beziehungsweise 14,1 Prozent. Viele Bürger wussten noch nicht einmal, dass es einen zweiten Wahlgang gab.

Mannheim hat fast 181.000 Einwohner ohne Migrationshintergrund (58 Prozent) und 131.000 Bürger mit Migrationshintergrund (42 Prozent). Von Letzteren hat fast die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit; trotzdem gibt es augenscheinlich keine deutsche Mehrheitsgesellschaft mehr. Auf die Prägekraft einer deutschen Oberschicht kann sich hier kein Politiker mehr verlassen, gemeinsame Werte müssen erst wieder gefunden und zusammen mit Vertretern aus unterschiedlichen Einwanderermilieus formuliert werden. Das ist ein mühsames Geschäft in einer Stadt, in der es schon mal zu Schlägereien oder Schießereien türkischer Gangs kommt. Zur Entwicklung einer Stadtidentität soll der „Mannheimer Aktionsplan für Toleranz und Demokratie“ beitragen. Doch ein Papier mit Absichtserklärungen schafft noch kein neues Stadtbewusstsein.

Die Idee des Marktplatzes als Austauschmöglichkeit funktioniert nicht mehr

Der Sozialdemokrat Peter Kurz (SPD) ist im Juli zum zweiten Mal für acht Jahre zum Oberbürgermeister gewählt worden. Nach einem anstrengenden Wahlkampf sitzt er erschöpft in seinem Amtszimmer im Rathaus. Als er ins Amt kam, verordnete er der Stadt einen Transformationsprozess. Aber die Stadtgesellschaft stellte sich als widerborstiger heraus, als Kurz erwartet hatte. Der Gemeinderat ist politisch unübersichtlicher geworden, die NPD und die AfD sind auch vertreten. Wenn Kurz heute von Mannheim redet, spricht er gern von „disruptiven Kräften“. Er meint damit, dass es immer schwieriger wird, in wichtigen politischen Fragen einen Konsens herzustellen, dass es oft Jahre braucht, bis Bürger von einem Projekt oder Vorhaben überzeugt sind, dass auch Bürgerentscheide politischen Streit manchmal nicht mehr befrieden können. Dass sie sogar eher Streit perpetuieren.

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Die Parteien sind keine Konsensmaschinen mehr, Kurz hat es am Beispiel der Bundesgartenschau erlebt: Eine kleine Gruppe aus Kleingärtnern und Umweltschützern will die Bundesgartenschau 2023 unbedingt verhindern. Auf Initiative des Gemeinderates gab es 2013 einen Bürgerentscheid über das Projekt. Eine knappe Mehrheit stimmte dafür, genau 50,7 Prozent. Aber die Bürgerinitiative akzeptierte das Ergebnis nicht, sie klagte dagegen und macht weiter Stimmung, mittlerweile gibt es nach neueren Meinungsumfragen keine Mehrheit mehr für das Projekt. „Was heute nicht existiert“, sagt Kurz, „ist ein für die Stadt gemeinsamer und repräsentativer Kommunikationsraum. Die Idee des Marktplatzes, auf dem jeder alles mitbekommt, funktioniert nicht mehr.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Als verzichtbar wurde, was man unter „Struktur“ versteht: das Bauhaus-Viertel in Tel Aviv, heute Welterbe der Unesco.

Architektur : Tut nicht so grün, es bleibt Konsumkapitalismus

Das „Europäische Bauhaus“ will die Städte umweltfreundlicher machen. Leider ist der zyklische Ansatz völlig falsch gewählt. Wir brauchen einen viel grundlegenderen Neuanfang. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.