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Konferenz „Denk ich an Deutschland“ : Gut leben in Europa

  • Aktualisiert am

Bild: Gyarmaty, Jens

Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Frage stand im Zentrum der Konferenz „Denk ich an Deutschland“, die von der F.A.Z. und der Alfred Herrhausen Gesellschaft ausgerichtet wurde. Die Bundeskanzlerin antwortete: im engen europäischen Verbund.

          Den Deutschen geht es nicht schlecht. Im Vergleich zu ihren europäischen Partnern geht es ihnen sogar ziemlich gut; in der Krise ist der Abstand weiter gewachsen. Und doch blicken die Deutschen nicht allzu heiter in die Zukunft: Sie sorgen sich um den Wert der Währung und haben nicht viel Vertrauen in die Politik; im Gewand des Wutbürgers erklären sie Entscheidungen von Parlamenten und Gerichten für belanglos. Viele sind der Meinung, ihren Kindern werde es einmal nicht bessergehen als ihnen. Sie werden älter, weniger und, der Herkunft nach, vielfältiger. Und immer mehr Deutsche sind der Auffassung, die Musik der Zukunft werde in Asien spielen. „Es ist nicht gesetzlich verankert, dass es bei uns so weitergehen wird wie seit 1949“, kommentiert die Bundeskanzlerin die Veränderungen in der Welt und deren Bedeutung für Deutschland, die Skepsis der Leute aufnehmend, aber über sie in einer optimistischeren Perspektive hinausgehend.

          Gelegenheit hatte sie dazu auf dem von der Alfred Herrhausen Gesellschaft und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum vierten Mal ausgerichteten Forum „Denk ich an Deutschland“. In diesem Jahr beschäftigte es sich in Berlin mit der Frage „Wie wollen wir in Zukunft (nicht) leben?“. Dieses Thema sollte den Faden weiterspinnen, den die Kanzlerin mit Fachleuten und Bürgern in den vergangenen Monaten aufgenommen hatte. Auch in Frau Merkels Zukunfts- und Bürgerdialog lautete eine Frage: „Wie wollen wir zusammenleben?“ Eine knappe Antwort der Kanzlerin lautet sinngemäß: jedenfalls im engen europäischen Verbund.

          Frau Merkels Plädoyer für eine Stärkung der Europäischen Union ist nicht nur der Krisenerfahrung geschuldet, sondern vor dem Hintergrund der sich verschiebenden Kräfteverhältnisse in der Welt zu verstehen: „Nur in einem europäischen Verbund können wir unsere Werte in der Welt einbringen und, wenigstens zum Teil, durchsetzen“, sagte sie in Berlin. Europa sei Garant für Demokratie, Freiheit und Wachstum. Weil Europas Anteil an der Weltbevölkerung schrumpfen werde - bei einem Anteil an den Weltsozialausgaben von gegenwärtig fünfzig Prozent -, müssten sich die europäischen Demokratien zusammentun; mit „mehr Europa“ dürfe das allerdings nicht verwechselt werden. Europa müsse Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, müsse verwirklichen, was auf zahllosen Gipfeltreffen versprochen worden sei.

          Hier kam dann die aktuelle Politik der Krisenbeherrschung ins Spiel: Um angesichts der Dynamik anderswo auf der Welt zu bestehen, „müssen wir wettbewerbsfähiger werden“, zumal man sich nur um den Preis von Wohlstandseinbußen abschotten könne. Deswegen dringe sie, die deutsche Kanzlerin, auf Reformen, selbst wenn ihr das übelgenommen wird. Und deswegen dringe sie auch auf fiskalische Disziplin: „Wir werden nicht gut leben können, wenn wir jedes Jahr mehr ausgeben, als wir einnehmen.“ Die Abkehr von einer Politik der Verschuldung wäre eine zivilisatorische Leistung; sie würde zumindest nachfolgenden Generationen nicht immer mehr aufbürden. Die Kanzlerin zeigte sich zuversichtlich, dass dies gelingen und die deutsche Gesellschaft kreativ und innovativ bleiben werde - wenn man sich anstrenge!

          Asmussen: Der Euro hat eine gute Zukunft

          Einen, alles in allem, optimistischen Grundakkord schlug auch Jörg Asmussen an, der Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank ist und damit der Institution, welche die Deutschen nicht liebgewonnen haben. Also sagte Asmussen: „Der Euro hat eine gute Zukunft, da brauchen wir uns nicht zu fürchten.“ Und auch die Furcht vor einer galoppierenden Inflation sei nicht berechtigt. Aber der frühere Staatssekretär im Bundesfinanzministerien ließ die Zuhörer nicht im Unklaren darüber, welche Wegstrecke vor den Europäern liege: Die hätten ein Jahrzehnt der Anpassung und der Reformen vor sich. Bei der Zeitprognose lassen einen die Bilder aus Athen und Madrid unwillkürlich zusammenzucken: Was passiert eigentlich, wenn ein Land aus diesem Anpassungsprogramm aussteigt, weil die Regierung dem Druck der Straße nicht mehr standhält?

          Wie werden eigentlich unsere politischen und sozialen Institutionen mit den künftigen Anforderungen fertig? Übernehmen Computer vollständig das Kommando? Ist die neue Welt grün? Wer schafft Orientierung in einer sich unablässig verändernden Welt? Der frühere Verfassungsrichter Udo Di Fabio äußerte Urvertrauen in das Parlament als Ort demokratischer Willensbildung. Er fügte mahnend hinzu, dass eine freie Gesellschaft auf die Mitwirkung vieler an der „öffentlichen Sache“ angewiesen sei. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte würdigte den Parlamentarismus und sah doch Bedarf an neuen Verfahren der Entscheidung und der Beteiligung: Kein Zweifel, „Stuttgart 21“ wirkt nach.

          In Zukunft mehr Distanz zur Verbindlichkeit?

          Kein Zweifel auch, dass die Gesellschaft sich noch weiter ausdifferenzieren wird. Der Frankfurter Soziologe Tilman Allert sagte das Entstehen der neuen Sozialfigur des Abenteurertums voraus, das auf Distanz zu Verbindlichkeit gehe. Der Kasseler Makrosoziologe Heinz Bude widersprach und fand es bemerkenswert, wie widerstandsfähig die Deutschen seien: Die Krise hätten sie gleichmütig und dynamisch gemeistert. „Wir Deutsche sind viel elastischer, als wir glauben.“

          Eine Glaubenssache ist für viele auch der Umweltschutz. Das meint zumindest der Autor Alexander Neubacher, der sich darüber beklagte, dass alles, was ein grünes Mäntelchen trage, subventioniert werde. Dem widersprach der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer. Im Jahr zwei nach der Energiewende sagte der Grüne, in Deutschland sei die Debatte über Umwelt und Nachhaltigkeit weitgehend entideologisiert. Im Übrigen kennt der Oberbürgermeister die Praxis: „Wir brauchen nicht beim Wasser zu sparen, aber beim Strom.“ Aus Wasser, Sonne und Wind könne genügend Strom erzeugt werden, „um alle unsere Bedürfnisse zu befriedigen“. Palmer malte das Bild einer schönen, heilen Zukunftswelt. Der Kanzlerin gefiele es vermutlich.

          Von der Konferenz berichten Klaus-Dieter Frankenberger (Text) Daniel Pilar und Jens Gyarmaty (Fotos)

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