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Flüchtlingszahlen : Das deutsche Staunen über den Migranten

Flüchtlinge versuchen so schnell wie möglich die mazedonisch-griechische Grenze gen Serbien hinter sich zu lassen. Bild: AFP

Auf der ganzen Welt sind Millionen Menschen auf der Flucht, und sie alle wollen zu uns, oder? Falsch. Eine Korrektur in Zahlen.

          6 Min.

          Jeder von uns hat in der Schule gelernt, dass der Mensch nicht immer sesshaft ist. Die Völkerwanderung der Germanen, die deutsche Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert oder die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg gehören zum kollektiven Gedächtnis. Und doch betrachten wir diese Ereignisse wie Zeugnisse einer lange vergangenen Zeit, in der das Leben unzivilisiert und unbarmherzig war.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Nicht nur die Deutschen, die in der behüteten alten Bundesrepublik aufgewachsen sind, haben eine recht statische Vorstellung vom Zusammenleben der Völker: Kriege sollten darin nicht vorkommen und Migration erst recht nicht. Wozu gibt es schließlich Grenzen?

          Das ist natürlich eine ahistorische Sichtweise. Migration gibt es, seit der moderne Mensch vor hunderttausend Jahren von Ostafrika aus die Welt besiedelte.

          Nichts spricht dafür, dass sich das gerade im Zeitalter der Globalisierung grundlegend ändern wird. Das deutsche Staunen über die Flucht- und Wanderungswellen, die uns nun periodisch erreichen, ist wahrscheinlich eine Spätfolge des Kalten Krieges.

          Weil der einen alten Wanderungskorridor, den von Ost- nach Westeuropa, für ein halbes Jahrhundert verriegelte, kannten zwei bis drei Generationen von Deutschen Migration nur noch in Form der Gestalt des „Gastarbeiters“ – eines Menschen, der nicht ins Land gebeten wurde, sondern in die Fabrik. Nach getaner Arbeit sollte er wieder nach Hause. Das tat er bekanntlich nicht.

          Über das globale Migrationsgeschehen gibt es eine Zahl: 232 Millionen Menschen waren im Jahr 2013 nach einer Schätzung der Vereinten Nationen Migranten. Darunter werden Menschen verstanden, die in einem Land leben, in dem sie nicht geboren wurden. Im Vergleich zur Weltbevölkerung insgesamt – 7,2 Milliarden Menschen – ist das gar keine so große Zahl. Der Anteil der Migranten liegt bei etwas mehr als drei Prozent. Der weit überwiegende Teil der Menschheit verbringt sein ganzes Leben in seiner Heimat, nicht selten sogar immer am selben Ort.

          Die meisten Flüchtlinge immigrieren in die Nachbarländer

          Zum Gesamtbild gehört auch die Erkenntnis, dass Migration nicht nur von Süd nach Nord stattfindet. Besonders durch die Fernsehbilder vom Mittelmeer entsteht oft der Eindruck, ganz Afrika und Asien seien auf dem Weg ins wohlhabende und sichere Europa. Tatsächlich haben Studien ergeben, dass etwa vierzig Prozent der weltweiten Migration von den armen in reiche Länder verläuft. Gut ein Drittel findet zwischen Ländern des Südens statt, etwas mehr als ein Fünftel verläuft von Nord nach Nord.

          Deutsche haben daran einen großen Anteil, was hierzulande wenigen bekannt ist. Nach einer Untersuchung der Internationalen Organisation für Migration leben 1,3 Millionen deutsche Auswanderer in den Vereinigten Staaten, womit sie den größten „Migrationskorridor“ unter den entwickelten Ländern geschaffen haben.

          Auch bei der Einwanderung nach Deutschland spielt die Migration aus entwickelten Ländern eine große Rolle. Über Jahre hinweg kamen die weitaus meisten Menschen, die nach Deutschland einwanderten, im Rahmen der europäischen Freizügigkeit aus anderen EU-Staaten.

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