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Zukunft der Europäischen Union : Das Haupthindernis ist Deutschland

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Diesmal wählten die Westmächte einen anderen Ansatz. Das Projekt der europäischen Integration zielte auf eine zweifache Einhegung und eine zweifache Mobilisierung. Die Deutschen sollten in die Strukturen der europäischen Zusammenarbeit eingebunden werden. Gemeinsam mit den übrigen demokratischen Staaten auf dem Kontinent sollten sie zugleich für die Abschreckung der Sowjetunion in Dienst genommen werden. Die europäische Integration wies Deutschland also einen Weg zurück in die Staatengemeinschaft und gab den übrigen Staaten zugleich die Gewähr, dass dies gefahrlos möglich war. Schon früh in diesem Prozess gab es einen Unterschied zwischen der militärischen Integration, die in den 1950er Jahren von den Franzosen blockiert wurde und sich zur Nato entwickelte, und der ökonomischen Integration, die zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft führte.

In den 1980er Jahren geriet dieses System aufgrund des Wirtschaftswachstums in Deutschland und der daraus resultierenden Stärke der Deutschen Mark zunehmend in Bedrängnis. Französische Politiker bezeichneten die D-Mark ganz offen als die „deutsche Atombombe“. Die Bundesbank bestimmte faktisch die Zinssätze für ganz Europa. Schon vor der deutschen Wiedervereinigung glaubte François Mitterrand, ohne eine gemeinsame Währung sei Frankreich dem Willen der Deutschen unterworfen. Als die Mauer fiel und die Bundesrepublik ein Jahr später die DDR absorbierte, wurde der Druck, etwas zu unternehmen, noch größer.

Man reagierte mit einer Intensivierung des Projekts der europäischen Integration. Die „deutsche Atombombe“ wurde mutmaßlich entschärft durch die Einführung des Euros als gemeinsamer Währung in den meisten Mitgliedstaaten der EU. Man verkündete eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Schon bald sorgten die Schengener Abkommen für die Abschaffung von Grenzkontrollen zwischen allen EU-Staaten außer Großbritannien und Irland. Deutschland war, so schien es, fest und tief in Europa eingebettet.

Die meisten Deutschen waren sehr froh über diesen Prozess, trug er doch dazu bei, sie aus ihrer misslichen „Mittellage“ zu befreien. Nach dem Ende des Kalten Kriegs und der Erweiterung der Nato wie auch der EU war Deutschland nun vollständig von Freunden umgeben. Die militärische Verteidigung der Außengrenzen überließ man weitgehend anderen, und dank der „Dublin-Regeln“, die vorsehen, dass Flüchtlinge im ersten sicheren Land Asyl beantragen müssen, in dem sie ankommen, wurde die Verantwortung für den Schutz der EU-Außengrenzen vor illegaler Einwanderung an die am südlichen und südöstlichen Rand der Gemeinschaft gelegenen Mitgliedstaaten delegiert. Deutschland lag gemütlich und selbstzufrieden im Herzen Europas.

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