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Zukunft der Europäischen Union : Das Haupthindernis ist Deutschland

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Die Geschichte Englands nahm einen ganz anderen Verlauf, zum Teil sicher wegen der günstigeren geographischen Lage am Rande Westeuropas. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es kurze Augenblicke, da das Land auf den Status eines Beobachters und sogar eines Vasallen reduziert war, doch die längste Zeit während der zurückliegenden 500 Jahre waren England und dessen Nachfolgestaat Großbritannien eher Subjekt als bloßes Objekt europäischer Politik. Das Land gehörte zu den Befehlsgebern und nicht zu den Befehlsempfängern.

Der wohl wichtigste Grund dafür liegt darin, dass es den Nationen Großbritanniens mit viel Schieben und Drängen gelang, ihre uralten Differenzen zu überwinden und sich hinter einem gemeinsamen Projekt in Europa und der Welt zu versammeln. Im Act of Union (1707) erhielt Schottland eine Vertretung in Westminster und behielt sein Rechts- und Schulsystem, verzichtete jedoch auf eine eigenständige Außen- und Sicherheitspolitik. Der gemeinsame Kampf gegen Papsttum und Universalherrschaft schmiedete die beiden Landesteile wirkungsvoller zusammen, als Bestechung, Einschüchterung oder schlichte wirtschaftliche Vorteile dies jemals vermocht hätten. Großbritannien war geboren und mit ihm ein fiskal-militärischer Staat, der seither deutlich oberhalb seiner „natürlichen“ Gewichtsklasse boxt.

Es lohnt sich, etwas länger über die Bedeutung dieser Ereignisse nachzudenken. 1707 hörten die beiden seit Jahrhunderten bestehenden Staaten England und Schottland über Nacht auf zu existieren und wurden zu Großbritannien zusammengefasst oder, wenn man so will, erweitert. Natürlich bestanden die beiden Nationen fort und sind bis heute in mancherlei Hinsicht recht unterschiedlich. Doch ihre Identität wurde durch eine neue Loyalität gegenüber einem größeren Ganzen – Großbritannien – ergänzt statt ersetzt.

Als Deutschland 1871 geeint wurde, trat an die Stelle der Zerstreuung der Macht deren Konzentration. In diesem Fall war das Ergebnis jedoch das genaue Gegenteil der britischen Erfahrung. Das neue, zweite Reich war wirtschaftlich, demographisch und militärisch mächtig, aber strukturell unvereinbar mit dem europäischen Machtgleichgewicht. Die Führung des Landes war zumindest zeitweilig in charakterlicher Hinsicht verheerend, angefangen beim Abenteurertum des Kaisers bis hin zur völkermörderischen Hybris Adolf Hitlers und des Dritten Reichs.

Das Abenteurertum des Kaisers endete 1918 in Niederlage und Hunger. Nach dem Ersten Weltkrieg unternahmen die Großmächte mit dem Versailler Vertrag einen weiteren Versuch, die deutsche Frage durch die Schaffung eines Gebildes zu lösen, das stark genug war, dem Bolschewismus zu widerstehen, aber nicht so stark, dass es die Sicherheit Europas nochmals gefährden könnte. Hitlers Versuch, diesen Zwängen zu entkommen und Deutschland durch eine Strategie von territorialer Aggression und Völkermord das Gewicht zu verleihen, das ihm in seinen Augen gebührte, endete 1945 in den Trümmern Berlins. Hitler gelang es lediglich, Stalins Sowjetunion, die Türken des 20. Jahrhunderts, in das Herz des Kontinents zu holen. Henry Kissingers berühmtes Diktum, wonach Deutschland zu groß für Europa, aber zu klein für die Welt sei, war abermals bestätigt.

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