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Zukunft der Europäischen Union : Das Haupthindernis ist Deutschland

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Letzteres war niemals sonderlich wahrscheinlich, denn das Erste, das Heilige Römische Reich, war regional, politisch und religiös hoffnungslos zersplittert. Es saugte vor allem während der Religionskriege Instabilität ein und spuckte sie in alle Richtungen aus. Das war das Dilemma der von späteren Generationen so genannten „Mittellage“ Deutschlands.

Über die Jahrhunderte fanden die europäischen Mächte diverse Möglichkeiten, das „deutsche Problem“ zu lösen. Der Westfälische Friede, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, schuf ein international garantiertes System interner Machtverteilung. Es sollte die Deutschen in die Lage versetzen, miteinander zu leben, ohne den Rest des Kontinents zu beeinträchtigen, und sie gleichzeitig stark genug machen, um äußere Angriffe abwehren zu können, aber nicht so stark, dass sie das gesamte Machtgleichgewicht erschüttern konnten. Der auf dem Wiener Kongress von 1815 geschaffene Deutsche Bund sollte demselben Zweck dienen. Beide Gebilde hatten letztlich die Aufgabe, deutsche Macht zu zerstreuen statt zu maximieren.

Deutschland wurde zum „Spielball der Mächte“

Keine dieser Lösungen funktionierte wirklich. Die Deutschen lernten, friedlicher miteinander zu leben, und entwickelten eine eigenständige politische Kultur, die auf Kompromiss statt Konflikt und auf der rechtlichen Regelung politischer Konflikte basierte. Das Verfahren war wichtiger als das Ergebnis. Dennoch blieb Deutschland innerhalb Europas schwach und wurde, wie der Philosoph Leibniz klagte, zum „Spielball“ der Mächte. Nachbarstaaten, vor allem Frankreich, entrissen dem Reich große Stücke. Deutschland blieb auch weiterhin der Raum, um den in mehreren europäischen Kriegen gekämpft wurde, und das Gefühl, eher Objekt als Subjekt europäischer Politik zu sein, gab Anlass zu allgemeiner Unzufriedenheit. Die Deutschen sahen hilflos zu, wie ihre Soldaten für europäische und koloniale Kriege „verkauft“ wurden, und spätere Generationen gewöhnten sich an den ständigen demographischen Aderlass. Der Strom der Auswanderer in die Neue Welt (unter ihnen befand sich auch Donald Trumps Großvater) kam den imperialen Ambitionen anderer Völker gerade recht.

Diese deutsche Schwäche gab auch in Europa Anlass zur Sorge. Erstens weil das Reich sich bemühte, die Aufgabe als Bollwerk im Südosten gegen die Osmanen loszuwerden. Flehentliche Rufe der Kroaten und Ungarn um Hilfe gegen die Türken waren im 15. und frühen 16. Jahrhundert weitgehend ungehört verhallt – und schon bald waren Teile dieser Länder überrannt worden. Zweitens gelang es dem Reich nicht, mit den französischen Revolutionstruppen und der Bedrohung durch Napoleon nach 1792 fertigzuwerden. 1806 brach es zusammen. Drittens weil selbst nach dem Wiener Kongress von 1815 unklar blieb, ob Deutschland stark genug war, dem französischen Revanchismus oder dem russischen Hegemonialstreben zu trotzen.

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