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Denk ich an Deutschland 2016 : Durch die Hintertür in eine neue Ära

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge warten im September 2015 auf dem Hauptbahnhof in München. Bild: dpa

Bei der Integration der Flüchtlinge werden die Deutschen über sich hinauswachsen. Doch das Erbe Angela Merkels wird widersprüchlich sein. Ein Bundesland dürfte zum Vorbild werden. Ein Gastbeitrag.

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          Als im Herbst 2015 Migranten in hoher Zahl nach Deutschland kamen, reagierte das Land hilfsbereit, aber zunehmend auch nervös. Bald wurde heftig darüber gestritten, ob es verantwortungsvoll war, dass Angela Merkel am 31. August erstmals den später von ihr mehrfach wiederholten Satz sagte: „Wir schaffen das.“ Schnell kam in die Debatten ein Ton der Gereiztheit. Von vielen ihrer ehemaligen Anhänger wurde die Bundeskanzlerin mit einem Etikett versehen, das aus dem Sprachgebrauch einer düsteren Vergangenheit stammte. Sie sei eine „Verräterin“, die eine Politik der „Umvolkung“ betreibe. Umgekehrt wurde die deutsche Regierungschefin für Liberale und Linke plötzlich zu einer politischen Heroine. Die Rollen verrutschten; seither geht im Land die Ahnung um, dass im Herbst 2015 etwas geschah, dessen Folgen noch lange nicht abzusehen sind. Der Ministerpräsident, der sagte, er wünsche, dass Deutschland genauso bleibt, wie es ist, traf schon den Punkt: Deutschland wird nicht genauso bleiben, wie es ist. Wie wird es anders werden?

          Helmut Kohl und Angela Merkel als joviale Reiseführer

          Ein zeitraffender Blick auf die Entwicklung des Vierteljahrhunderts, das hinter uns liegt, zeigt: Deutschland hat einen großen Magen. Es hat sich in diesen 25 Jahren viel mehr verändert als in den vier davorliegenden Jahrzehnten der „alten“ Bundesrepublik, von der Wiedervereinigung über den Kosovo-Krieg, die Agenda 2010 bis zu zwei Ostdeutschen in höchsten Ämtern der Republik. Bürger, Staat und Parteien haben diesen zum Teil grundstürzenden Wandel erstaunlich gelassen hingenommen und verarbeitet. Nur bei Minderheiten, die AfD eingeschlossen, gibt es das Gefühl, in einer weniger lebenswerten und sicheren Welt zu leben und der eigenen Geschichte und Identität beraubt zu sein.

          Anhänger der AfD demonstrieren in Stralsund, Mecklenburg-Vorpommern.
          Anhänger der AfD demonstrieren in Stralsund, Mecklenburg-Vorpommern. : Bild: Picture-Alliance

          Deutschland hat die neue Ära gewissermaßen durch die Hintertür betreten. Helmut Kohl und die nur darin ihm verwandte Angela Merkel waren als Regierungschefs gut geeignet, die Deutschen ohne Tamtam und Ruckreden als joviale Reiseführer in die neue Zeit zu geleiten, besser: zu begleiten. Der aktuellen Nervosität zum Trotz gibt es wenig Grund, daran zu zweifeln, dass diese Gelassenheit eine deutsche Tugend bleiben wird. Sie liegt in der Größe, der wirtschaftlichen Stärke und der vergleichsweise großen Integrität seiner Institutionen begründet. Deutschland wird 2025 vermutlich so stabil sein wie heute.

          Der deutsch-französische Motor steht still

          Auf die Probe gestellt wird diese Stabilität aber gleichwohl, von außen und von innen. Was Wolfgang Schäuble einmal salopp unser „Rendezvous mit der Geschichte“ genannt hat, markiert tatsächlich eine Zäsur. Und diese trifft Deutschland als die größte politische Macht Europas besonders. Man kann diese Migrationsbewegung mit europäischer Brille als etwas von außen Kommendes sehen, das es zu unterbinden oder wenigstens zu regulieren gilt. Ein weiterer Blick zeigt, dass damit vermutlich nicht viel gewonnen wäre. Die Tragödien am Südrand des Mittelmeers gehen Europa, gehen Deutschland an. Sie werden, wenn wir nicht zur Besserung beitragen, auch zu unseren Tragödien werden. Wenn Deutschland so bleiben will, wie es ist, wird es nicht mehr möglich sein, künftige Aufgaben als nationale zu verstehen. Deutschland wird die Staaten der EU dafür gewinnen müssen, weitere Schritte in diese Richtung zu tun.

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