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Digitale Welt : Ich bin abhängig, aber nicht süchtig

Viele Jugendliche verbringen mittlerweile mehr Zeit mit ihren Smartphones als mit ihren Freunden. Bild: Mart Klein / Miriam Migliazzi

Leute wie Maximilian, 16, müssen über die digitale Zukunft nicht groß reden. Sie kennen ja gar nichts anderes. Ein Tag mit der Unschuld.

          Maximilian, 16, hat zwei Freundinnen. Die eine ist aus Fleisch und Blut. Die andere trägt die Seriennummer MD101D/A und hat einen hochauflösenden Bildschirm. „Natürlich darf ein Computer keinen Menschen ersetzen“, sagt er, und doch kommt er oft nicht recht weg von ihm. Seine erste Freundin ist gerade nicht da. Seine zweite, so nennt er seinen Laptop, surrt leise auf dem Schreibtisch.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Maximilians Welt besteht auch fast nur aus zwei Farben. Das T-Shirt: schwarz. Die Socken: weiß. Das Handy: schwarz. Die Kopfhörer: weiß. Und auf allem prangt der angebissene Apfel. Sein Schreibtisch ist eine schwarze Platte mit vier Beinen, darauf liegen nur sein Macbook und ein weißes Blatt Papier.

          Das Gerät ist sein Fotoalbum, Adressbuch, Parkbank für eine erste Liebelei. Alles digital. Kann sich Maximilian erinnern, wie man früher an die Hausaufgaben kam, wenn man krank war? „Da hat man wohl nach der Schule rumtelefoniert.“ Heute schickt ihm ein Kumpel vom Klassenzimmer aus eine Nachricht über WhatsApp oder der Lehrer eine Mail.

          In Zukunft nur noch Unterricht mit dem iPad?

          Zu sagen, Maximilian sei ein digital native, wäre insofern missverständlich, als man denken könnte, in der westlichen Welt könnte heute noch jemand geboren werden, der kein digital native ist. Ein gewöhnlicher Tag beginnt für ihn so: Vom Handy geweckt, steht er auf den letzten Drücker auf, frühstückt schnell und macht sich auf den Weg ins Gymnasium in der Nachbarschaft. Auf dem Schulweg bleibt nur wenig Zeit - erst für WhatsApp, dann für Snapchat, schließlich Facebook. Aber Facebook interessiert ihn eigentlich nicht mehr so sehr. Vor drei Jahren meldete er sich an, weil es alle seine Kumpels taten. Heute hat er 314 Freunde bei Facebook: „Ich habe schon den Anspruch, die alle zu kennen. Wenigstens vom Namen her.“

          Zu Beginn des Geschichtsunterrichts zeigt der Lehrer einen Film, in Mathe drehen sich Pyramide und Quader auf dem Smartboard. Die grüne Tafel gibt es nicht mehr. Aber Arbeitsblätter auf Papier. Und Schnellhefter. Wie lange noch? Ein Bekannter von Maximilian geht in London zur Schule, dort erproben sie den Unterricht nur mit iPad. Maximilian findet das praktisch. „Natürlich sollte man schon noch das Schreiben mit der Hand lernen.“ Briefe findet er schön, aber sie sind etwas Besonderes, Außergewöhnliches für ihn. Er kommuniziert anders. Nach Schulschluss noch was unternehmen? - „Wir schreiben uns nachher.“

          Viele Eltern und Wissenschaftler sorgen sich, oh je! Das Internet und die sozialen Netzwerke machten alles so unverbindlich und leicht; manche sagen sogar, davon werde man dumm, dick und aggressiv. Doch in Maximilians Zimmer steht nicht nur der Laptop, sondern auch „Die drei Musketiere“ von Dumas. Er hat Deutsch als Leistungskurs gewählt. Er klickt sich nicht nur durch Twitter-Accounts, sondern singt in seiner Freizeit auch in der Oper. Er macht das, was ihm gerade gefällt. Vorzugsweise aber an einem Ort mit W-Lan.

          Das Handy als elektronisches Gedächtnis

          In den Ferien bleibt er morgens eine halbe Stunde länger im Bett liegen, liest Nachrichten und checkt seine Mitteilungen. Vielleicht hat schon jemand sein neues Profilfoto geliked, er hat es noch aus dem Urlaub hochgeladen. Er schaut sich seine älteren Fotos an: eines mit Krawatte von seiner Kommunion, ein anderes mit aufgeknöpftem Hemd und verträumtem Blick. „Ich weiß nicht, ob ich das heute noch mal posten würde. Jetzt bin ich ja auch älter.“ Maximilian achtet sehr darauf, wie er im Internet wirkt; das könne ja mal wichtig sein, etwa bei der Bewerbung für ein Praktikum.

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