https://www.faz.net/-gpf-733uu

Denk ich an Deutschland : Wie spricht man „Latte macchiato“ aus?

Ob für die Landmenschen des 19. Jahrhunderts wohl noch das Gefühl überwog, ihre Umgebung biete Geborgenheit? Vielleicht hatten die meisten gar keine Chance auf Ausbruch. Bild: Emil Hardt / Heimat und Geschichtsverein Wipperfürth

Es ist ein Großtrend unserer Tage: Wir fliehen das Land. Die Zukunft ist urban - auch wenn man in der Stadt vielleicht niemanden hat, der im Urlaub die Blumen gießt. Eine Erkundung.

          6 Min.

          Eigentlich schien alles klar zu sein im Leben von Ariane Maurer: Sie sollte in das Zweifamilienhaus ihrer verwitweten Mutter mit einziehen, einen reparaturfreudigen Handwerker heiraten und zwei Kinder gebären. Sie würde Freundinnen haben, die in Häusern mit Gärten leben würden, links die Küche, rechts das Gästeklo, in der Mitte das Wohnzimmer. Sie und ihre Freundinnen würden einen Golf fahren, die Männer Mercedes, samstags würden sie die Straße kehren und immer über alles im Ort Bescheid wissen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Eine Horrorvorstellung“, sagt die heute 41 Jahre alte Softwareentwicklerin, die aus der schwäbischen Kleinstadt Markgröningen stammt. Nach dem Abitur suchte sie das Weite, sie zog zum Studium ans andere Ende der Republik, wo sie inzwischen im Hamburger Stadtteil Eppendorf lebt. „Entkommen“, denkt sie, wenn sie an ihre alte Heimat denkt. Auch Christina Weber, Diplompädagogin aus Köln, hat der Eifel und den 45 Einwohnern des Dorfes ihrer Kindheit den Rücken gekehrt, als sie vor einem Jahr dreißig wurde.

          Das gegenseitige Interesse ist gleich null

          „Die Enge und die Blicke der Dorfbewohner, die mich nach der Scheidung meiner Eltern trafen“, hat sie gegen die Anonymität der Großstadt eingetauscht. Sie kennt ihre neuen Nachbarn in dem Zwölf-Parteien-Haus nicht, keine einzige Familie würde sie auf der Straße erkennen. In ihrem Fitnessstudio, das nur für Frauen ist, haben alle Kopfhörer in den Ohren. Das gegenseitige Interesse ist gleich null, ein Kennenlernen ausgeschlossen, und das ist gut so: „Im Dorf gibt es so viel Beobachtung, so viel Kontrollsucht.“ In Köln will sie sich frei entfalten und entwickeln, sich neu erfinden.

          Der Nachteil: Wenn sie in den Urlaub fährt, hat sie niemanden, der die Blumen gießt. Ariane Maurer und Christina Weber haben das getan, was immer mehr junge Erwachsene tun: Sie sind in die Großstadt gezogen. Metropolen sind für junge Leute unter dreißig deutlich attraktiver als kleinere Städte und Dörfer, das haben Demographen herausgefunden. Und wenn sie dann eine Familie gründen, ziehen diese Menschen inzwischen nicht mehr quasi automatisch aus der Stadt in die Vorstadt, sondern bleiben da, wo sie sind, und mieten einen Schrebergarten an oder legen sich ein Wochenendhaus zu: „Man will naturnah leben, aber nicht auf das verzichten, was das urbane Leben bietet“, hat der Soziologe Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung beobachtet.

          Das Gros der Renter lebt noch immer auf dem Land

          Erst wenn die Menschen aus dem Berufsleben wieder ausscheiden, wollen sie dauerhaft ins Grüne; das Gros der Rentner lebt noch immer auf dem Land. Es ist ein Megatrend: Im Jahr 2008 lebten weltweit erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land; für 2030 rechnet der „Population Fund“ der Vereinten Nationen mit fünf Milliarden Städtern. Erich Hirschler, ein 46 Jahre alter Bauernsohn aus dem Spessart, ist einer der Menschen, die trotz Kindern in der Stadt leben.

          Der Banker wohnt in Frankfurt und streitet jeden zweiten Abend mit seiner Frau, weil sie zurück ins Grüne will und er nicht. „Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend als Bauernsohn auf dem Dorf verbracht“, sagt er und verzieht das Gesicht, als ekle er sich. Während der Vater ihn Steine vom Acker auflesen ließ und Hirschler das Gefühl hatte, das Leben zöge an ihm vorbei, träumte er von Berlin, München und Hamburg. Aus dem Fernsehen wusste er, dass es dort viele schöne Frauen und die unterschiedlichsten Verlockungen gab, und er schwor sich: Eines Tages wirst du in einer solchen Stadt leben, und deinen eigenen Kindern wirst du dieses schlimme Schicksal ersparen.

          Weitere Themen

          Uns gibt es auch noch

          Protest gegen Iran : Uns gibt es auch noch

          Hunderttausende Getreue des Teheraner Regimes gingen diese Woche auf die Straße. Aber das heißt nicht viel in einem Staat, der sich meisterhaft auf Propaganda versteht – schon am Samstag hieß es wieder „Tod dem Revolutionsführer“.

          Topmeldungen

          Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mercedes-Stern dreht sich auf dem Daimler-Werk in Untertürkheim. Die weltweiten Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit dem Dieselskandal kosten den Autobauer Daimler für 2019 nochmals bis zu 1,5 Milliarden Euro zusätzlich.

          Folgen des Diesel-Skandals : Nächster Tiefschlag für Daimler

          Analysten und Anleger sind nervös: Der Autokonzern muss einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen. Und auch die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten. Ein Beobachter spricht von „einem traurigen Tag für alle Beteiligten“.
          Arbeiter desinfizieren einen Bahnhof im chinesischen Wuhan.

          Wegen Coronavirus : China stoppt Reisen von und nach Wuhan

          Neue Eskalationsstufe im Kampf gegen das Coronavirus: Offenbar soll in der Stadt Wuhan kein einziger Zug oder Bus mehr fahren oder die Stadt verlassen. Die Weltgesundheitsorganisation prüft derweil, ob sie einen internationalen Gesundheitsnotstand ausrufen will.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : 100 Milliarden Euro für die Freundschaft

          Heute jährt sich der Aachener Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Wie steht es um die deutsch-französische Freundschaft? Und was hat es mit dem militärischen 100-Milliarden-Euro-Projekt auf sich? Außerdem: Was wir aus Jeff Bezos Handyhack lernen können und warum die Dinosaurier wirklich ausstarben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.