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Gregor Gysi : „Seit 1990 hat es nie das Gefühl der Gleichwertigkeit gegeben“

Linken-Politiker Gregor Gysi Bild: dpa

Auf der „Denk ich an Deutschland-Konferenz“ der F.A.Z. und der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft kritisiert der Linken-Politiker die Umsetzung der deutschen Einheit. Auch zur Verfassung und der EU äußert er sich.

          Der Linken-Politiker Gregor Gysi hat die Umsetzung der deutschen Wiedervereinigung vor 30 Jahren scharf kritisiert. Mit dem Beitritt des Ostens anstelle einer gleichberechtigten Vereinigung sei die „Chance auf eine innere Einheit“ verspielt worden, die das Land „wirklich hätte zusammenwachsen lassen können“, sagte Gysi bei der Konferenz „Denk ich an Deutschland“ der F.A.Z. und der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft am Freitag in Berlin. So habe der Westen bei der Wiedervereinigung „unverändert alte Strukturen bewahrt“ und auf den Osten übertragen. Das habe eine Debatte über eine gemeinsame Verfassung des vereinten Deutschlands verhindert. Auch habe die „vorhandene Siegermentalität“ des Westens einen „gleichberechtigten Gang in die Einheit“ verhindert. „Die Möglichkeit, als wiedervereinigtes Deutschland ein Mittler zwischen Ost und West zu werden, wurde durch die Westbindung leichtfertig aus der Hand gegeben.“

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          „Seit 1990 hat es nie das Gefühl der Gleichwertigkeit gegeben“, sagte Gysi, der die Verfassung der Bundesrepublik, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert, als „sehr gute Verfassung mit Schwächen“ bezeichnete. Der Linken-Politiker kritisierte, nach der Wende sei nicht die Frage gestellt worden, ob es im Osten sinnvolle Errungenschaften gegeben habe, deren Bewahrung sich auch im wiedervereinigten Deutschland hätte lohnen können. Als Beispiele nannte Gysi die Polykliniken, eine Berufsausbildung mit Abitur, die Gleichstellung der Geschlechter, bei der der Osten weiter als der Westen gewesen sei. „Was wäre so schlimm daran gewesen, wenn der Kanzler gesagt hätte: Wenn es vier, fünf Sachen gibt, die im Osten gut sind, dann übernehmen wir die? Das hätte das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gestärkt.“

          Gysi sagte, bei den Ostdeutschen existiere auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch ein „Gefühl der Benachteiligung“, das sich auch auf die kommenden Generationen übertrage. „Dieses Gefühl, Deutscher zweiter Klasse zu sein, wird erst dann verschwinden, wenn es keine konkrete Benachteiligung mehr gibt.“ Doch auch ein heute 18-Jähriger werde in 50 Jahren im Osten eine etwas niedrigere Rente bekommen als im Westen.

          Mit Blick auf den Brexit und die Lage der Europäischen Union sagte Gysi, Deutschland und Europa dürften „nicht zulassen, dass die EU kaputt geht“. „Wenn die kaputt geht, kehrt auch der Krieg nach Europa zurück. Das wäre eine Katastrophe.“

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