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Cyberwelt : Das Netz der Fremden

  • -Aktualisiert am

Das Internet - Reservat der Freiheit? Bild: Mart Klein/Miriam Migliazzi

Es war die Verheißung der sozialen Medien. Jeder Mensch soll eine Stimme haben. Inzwischen müssen wir einsehen: Oft genug ist das Gegenteil richtig.

          Die Fähigkeit des Menschen, sich zu begeistern, ist fundamental. Ohne sie gelingt keine Innovation. Der Flügelschlag der Leidenschaft hat die Anfangszeit der Dampfmaschine begleitet, der Glühbirne, der Atomkraft. Begeisterung hat auch das Internet abheben lassen und seiner populären Fortentwicklung, dem World Wide Web, Schwingen verliehen. In der frühen Online-Sphäre trafen sich Science- Fiction, Pioniergeist und ein anarchischer Freiheitsdrang. Es war ein Raum der Ideen, der grenzenlosen Freiheit, der Lust an der Revolution, ein Raum der Hoffnungen und Chancen.

          Doch die Euphorie ist der Skepsis und Ernüchterung gewichen - es hat auch die größten Online-Optimisten getroffen. Das Internet ein Reservat der Freiheit? Autoritäre Staaten überwachen seine Nutzer mittlerweile mit ungeahnter Perfektion; sie steuern Meinungsströme, lancieren Propaganda und blockieren Missliebiges. Kaum weniger aktiv sind die Demokratien: Noch nie haben Geheimdienste private Kommunikation so einfach, umfassend und gründlich durchforsten können.

          Ist das Netz eine Sphäre jenseits der kapitalistischen Urkräfte? So ungefähr das Gegenteil: Globale Plattformen kontrollieren längst das neue Medium, machtvoller als alle multinationalen Konzerne der Vergangenheit. Das Internet ist nicht der Platz der Boutiquen, es ist eine erbarmungslose Branche.

          Das Wissen der Welt mit einem Mausklick abrufen

          Hat die Online-Kommunikation der Welt den Frieden näher gebracht? Während in den entwickelten Ländern der überwiegende Teil der Lesekundigen das Internet nutzt, entzweit sich die Menschheit in rapider Geschwindigkeit. Religiöser Fanatismus, imperialer Wahn und populistische Radikalität setzen sich im Internet fort. Überall breiten sich abgrenzende Verachtung und Hass auf den Online-Plattformen aus. Selbst Sabotage, Terror und Krieg sind in der Cyberwelt angekommen.

          Hat das Internet wenigstens die Debatte in den westlichen Demokratien vorangebracht? Gewiss, noch nie war es so einfach, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das Weltwissen ist per Mausklick abrufbar - eine ungeheure Kulturleistung. Journalismus erreicht in digitaler Form seine Meisterschaft; noch nie wurden die Leute so aktuell, hintergründig und gleichzeitig so anschaulich informiert. Wenn die theoretisch erreichbare Information ein Gradmesser für die Reife einer Demokratie wäre, müsste die Weisheit der Entscheidungen westlicher Wähler in den vergangenen Jahren biblische Dimensionen erreicht haben.

          Doch der demokratischer Diskurs wird selten durch kluge Argumente allein gewonnen. Die wenigsten sind bereit, politische Streitfragen in aller Gründlichkeit selbst aufzuklären. Bürger, Wähler sind in der Regel keine Fachleute, und sie müssen es nicht sein. Sie nutzen Filter, die für sie das Weltgeschehen sortieren, analysieren, kommentieren. Filter können Medien sein. Die waren über Jahrzehnte die wichtigsten Initiatoren informierter Diskurse.

          Ein ebenso bedeutender Filter sind die Empfehlungen und Ansichten der Nächsten, der Familie, der Freunde. Sie beruhen allerdings nicht immer auf großem Fachwissen. Deshalb haben Medien, bei aller Anfälligkeit für Fehlleistungen, in demokratischen Gesellschaften eine konstituierende Bedeutung: als Vermittler zwischen Fachleuten und Laien, zwischen Politik und Gesellschaft.

          Soziale Netzwerke als Treffpunkt für Gleichgesinnte

          Doch seit einigen Jahren wählen immer mehr Leute Informationswege jenseits der klassischen Medien. Sie konfigurieren sich Informationsströme - in der Mehrheit nicht nach Sachthemen, sondern nach Personen. Der persönliche Newsfeed auf Facebook ist für immer mehr Nutzer der zentrale Informationsstrom, bei anderen ist es der selbst konfigurierte Twitter-Feed. Es sind Newsletter und E-Mail-Infoketten, es sind selbst zusammengestellte Ströme bei News-Aggregatoren. Zwar ist das entscheidende Informationsstück zumeist noch immer ein verlinkter Artikel aus einem klassischen Medium. Doch die Reihung willkürlich zusammengesuchter Texte zu subjektiven Informationsströmen führt zur Einseitigkeit. Genauso wie im richtigen Leben gruppieren sich die Leute im Netz um ihresgleichen: Heimat ist nicht der Platz der feurigen Debatte, Heimat ist die Geborgenheit unter Gleichdenkenden.

          Dabei war es ein Teil des Traums, dass die sozialen Medien, diese Meisterwerke der Kommunikationstechnologie, den Schweigsamen eine Stimme geben, den Unterdrückten eine Möglichkeit zum Protest verschaffen, Minderheiten eine lautere Stimme als bisher verleihen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Das Schweigen der Abweichenden ist online eher noch größer als im realen Leben. Auf Facebook treffen sich Gleichgesinnte, um sich gegenseitig zu bestärken. Das sich selbst organisierende Netz ist ein gigantischer Verstärker ohnehin lautstarker Meinungsträger.

          Der Schwarm werde es richten, sagen unverdrossen die Optimisten. Die Menschheit sei ja nun vereint durch das eine Medium. Doch den Schwarm gibt es nicht. Es gibt nur Schwärme. Die schwimmen selbstbewusst durch die Weiten der digitalen Sphären. Nur begegnen sie sich seltener, verlernen langsam die gemeinsame Sprache. Das Netz erweist sich als ein Verstärker urmenschlicher Eigenschaften, Triebe, Instinkte. Ja, das Netz hat die Menschheit näher zusammengebracht, theoretisch jedenfalls. Doch im Konkreten ist es auch die Geschichte einer großen Entfremdung.

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