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Flüchtlinge : Die gelassene Nation

  • -Aktualisiert am

Frankfurter Bürger stapeln am Frankfurter Hauptbahnhof Essen, Getränke und Kleidungsspenden für die eintreffenden Flüchtlinge. Bild: Wonge Bergmann

Die meisten Deutschen machen sich zwar Sorgen, ob ihr Land die vielen neuen Flüchtlinge verkraftet. Von einer breiten Feindseligkeit gegen Ausländer aber kann keine Rede sein.

          In Deutschland misstraut man der eigenen Bevölkerung schnell. Einige Monate lang erleben die Pegida-Demonstrationen Zulauf, die AfD verzeichnet regionale Erfolge, und es kommt zu Anschlägen militanter Gruppen auf Asylbewerberunterkünfte – und schon hört man den Generalverdacht, es gebe in Deutschland eine epidemisch um sich greifende Ausländerfeindlichkeit.

          Prof. Dr. Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

          Die kontinuierlich durchgeführten repräsentativen Umfragen vermitteln ein völlig anderes Bild. Tatsächlich gibt es in Europa nur sehr wenige andere Länder, die auf Zuwanderung und den Zustrom an Flüchtlingen zurzeit derart gelassen und mit einer vergleichbaren Hilfsbereitschaft reagieren, wie das in Deutschland der Fall ist.

          Das gilt nicht nur für die Regierung und sämtliche im Parlament vertretenen Parteien, sondern auch für die Bevölkerung. Siebzig Prozent davon befürworten grundsätzlich die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland; dabei gibt es allerdings gravierende Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern: 74 Prozent der westdeutschen, 53 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung unterstützen grundsätzlich die Aufnahme von Flüchtlingen; 13 Prozent der Westdeutschen, 29 Prozent der Ostdeutschen äußern sich grundsätzlich ablehnend.

          Knapp jeder Dritte plädiert allerdings dafür, möglichst wenig Flüchtlinge aufzunehmen, während sich 37 Prozent dafür aussprechen, so viele aufzunehmen, wie sich nur unterbringen und versorgen lassen. Dieser letzte Anteil ist interessanterweise in den letzten Monaten, in denen sich die Probleme in vielen Kommunen zugespitzt haben, nicht gesunken, sondern angestiegen.

          Vor vier Monaten plädierten erst 31 Prozent dafür, so viele Flüchtlinge aufzunehmen wie nur möglich. Allerdings wachsen angesichts der Probleme in vielen Kommunen Zweifel in der Bevölkerung, ob Deutschlands Aufnahmekapazitäten nicht allmählich erschöpft sind. Mittlerweile berichten 76 Prozent der Bürger, dass in ihrer Region Flüchtlinge untergebracht sind; in 38 Prozent der Fälle macht die Unterbringung größere Probleme.

          Rechtspopulistische Parteien profitieren nicht

          Der rasche Anstieg der Flüchtlingszahlen stimmt die Bevölkerung besorgt, und viel wird davon abhängen, ob die Politik auf allen Ebenen erfolgreich Maßnahmen ergreift, um die Probleme zu beherrschen. Diese Besorgnis ist jedoch etwas völlig anderes als eine wachsende Ausländerfeindlichkeit und Radikalisierung. Dass hier in der öffentlichen Diskussion zu wenig differenziert wird, ist schädlich.

          Die große Mehrheit macht sich Sorgen, bekundet aber gleichzeitig Verständnis für die Notlage derjenigen, die aus Kriegs- und Krisengebieten fliehen. Die Mehrheit hält sogar mehr Kriterien für die Gewährung von Asyl für begründet, als es der Rechtslage entspricht.

          Der Widerstand gegen die Einrichtung von Wohnheimen für Asylbewerber ist heute signifikant geringer als Anfang der neunziger Jahre, als Deutschland ebenfalls mit einer großen Flüchtlingswelle konfrontiert war. Damals tendierten 37 Prozent der Bürger dazu, Unterschriftenaktionen gegen solche Wohnheime in ihrer Gemeinde zu unterstützen; heute sind es 23 Prozent. Die Mehrheit, 58 Prozent, schließt dies für sich kategorisch aus. Gegenläufig ist die Bereitschaft gestiegen, sich für Wohnheime zu engagieren.

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