https://www.faz.net/-gpf-ur81

Demonstrationen von G-8-Gegnern : Die Rote Flora und ihre Bande

Proteste in Hamburg Bild: ddp

Nach der Polizeirazzia gegen G-8-Gegner enden Proteste in Hamburg gewalttätig. Von der „Roten Flora“ - einem Zentrum autonomer Gruppen im Schanzenviertel - dürfte noch häufiger die Rede sein, je näher der Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm rückt. Von Frank Pergande.

          4 Min.

          Eigentlich war das Hamburger Schanzenviertel mit der Frage beschäftigt, wie viel Platz Inhaber von Cafes und Gaststätten bei schönem Wetter für Tische und Stühle auf dem Bürgersteig bekommen dürfen und wie viel Platz den Passanten bleibt. Der Streit mit den Bewohnern war derart eskaliert, dass Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) eingriff und einen Kompromiss herbeiführte. Am Mittwoch wollte er mit gelber Farbe eine der Flächen markieren, die künftig den Cafes zugestanden sein sollen. Und natürlich war die Öffentlichkeit dazu eingeladen. Daraus wurde aber nichts, denn statt des Senators und ein paar Kamerateams waren inzwischen dreihundert Polizisten in „der Schanze“ - wie das Viertel in Hamburg genannt wird - aufmarschiert.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Polizeiaktion gegen die militanten G-8-Gegner war so geheim gehalten worden, dass selbst die beteiligten Polizisten glaubten, zu einem der typischen Hamburger Einsätze unterwegs zu sein: gegen Frauen- und Drogenhandel. Diesmal aber ging es gegen die linksextremistischen Globalisierungsgegner, neben Hamburg in fünf weiteren Bundesländern. Neunhundert Polizisten waren insgesamt im Einsatz.

          „Ganz normale Reaktion auf Straftaten“

          Vierzig Wohnungen und Szenetreffs wurden durchsucht, weil die Bundesanwaltschaft einigen militanten Gegnern Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft. Diverses Material wurde beschlagnahmt. Gegen Mittag waren die Durchsuchungen beendet. Hamburgs Innensenator Udo Nagel (parteilos) lobte den Einsatz sofort. Er sei kein politisches Signal gewesen, sondern „eine ganz normale Reaktion auf Straftaten“. Tatsächlich hatte es in den vergangenen Monaten Dutzende Anschläge gegeben, so in Hamburg auf das Auto von Bundesfinanzstaatssekretär Thomas Mirow.

          Standhaft
          Standhaft : Bild: ddp

          In Hamburg stand bei den Durchsuchungen wie schon so oft die „Rote Flora“ im Mittelpunkt, die in der Straße liegt, die Schulterblatt heißt. Die Rote Flora war 1888 als Theater gebaut worden. Hundert Jahre später sollte dort das Musical „Das Phantom der Oper“ aufgeführt werden. Zu diesem Zweck wurde ein Teil des Theaters abgerissen. Es sollte durch einen Neubau ersetzt werden. Weil die Bewohner befürchteten, in dem neuen Umfeld würden auch die Mieten, überhaupt die Lebenshaltungskosten steigen, gab es Protest. Der Plan wurde schließlich aufgegeben, das Gebäude stand leer. In sogenannten Winterfestmachaktionen begann die Besetzung der Roten Flora. Wo abgerissen worden war, entstand ein Park. 1991 wurde dieser Park bei einer großen Polizeiaktion geräumt, weil der als Bauplatz vorgesehen war. Die eigentliche Rote Flora blieb besetzt und ist heute ein Zentrum autonomer Gruppen - und immer wieder auch ein Kampfplatz. 1500 Personen werden zur Szene gerechnet, 470 unter ihnen gelten als gewaltbereit.

          „Solidarität mit den Repressionsopfern“

          Schon während der Razzia am Mittwoch versuchten ein paar Autonome, die Straße zu blockieren. Die Polizei griff durch, einige Demonstranten wurden vorläufig festgenommen. Dass die Gruppen, gegen die sich die Razzia gerichtet hatte, das nicht so ohne weiteres hinnehmen würden, war klar. Am Abend begann der Protest. Etwa fünftausend Personen gingen in Hamburg, Berlin, Göttingen, Kiel und anderen Städten auf die Straße. In Berlin waren es zweitausend. In Hamburg kamen etwa tausend, die eine spontane Demonstration „Solidarität mit den Repressionsopfern“ ankündigten. Die Demonstrationen verliefen alle friedlich. Gegen 22 Uhr lösten sie sich auf.

          In Hamburg blieben kleine Gruppen vor der Roten Flora zusammen. Gegen 22 Uhr flogen die ersten Flaschen und Steine. Ein paar kleine Barrikaden entstanden, ein paar Feuer wurden entzündet. Die Polizei stand mit tausend Mann bereit und setzte auch Wasserwerfer ein. Eine Passantin erlitt eine Kopfwunde. Drei Polizisten wurden verletzt. Acht Demonstranten wurden festgenommen. In Berlin gab es vier Festnahmen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Andreas Petkovic im Interview : „Die WTA imponiert mir“

          Der Fall Peng Shuai bewegt auch Andrea Petkovic. Im Interview spricht sie über ihren Wunsch nach Gerechtigkeit, Solidarität unter Tennisspielerinnen und die Furchtlosigkeit der jüngeren Generation.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.