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Demonstrationen gegen Erdogan  : „Überall ist Widerstand!“

„Soma war Mord“: Viele Demonstranten tragen Schutzhelme wie die Bergleute Bild: dpa

„Du bist und bleibst ein Antidemokrat“: In Köln sind tausende Erdogan-Gegner durch die Innenstadt marschiert, um gegen den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten zu protestieren. Zu Zusammenstößen kam es bislang aber nicht.

          Es ist erst kurz nach halb eins am Samstagnachmittag, doch auf dem Ebertplatz in Köln stehen die Leute schon dicht an dicht. Einige haben sich Hemden mit der Aufschrift „Überall Taksim - überall Widerstand“, angezogen, um auf die Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung der Türkei auf dem Taksim-Platz in Istanbul anspielten. Immer wieder heben Sprechchöre an: „Überall ist Taksim“, „Gauck sieht Rot – Erdogan in Not“ oder „Erdogan, Du bist und bleibst ein Antidemokrat.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Ein junger Mann schwenkt ein selbstgebasteltes Banner, auf dem es heißt: „Weg mit dem Diktator Erdogan“. Nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Holland, Österreich und der Schweiz sind türkischstämmige Leute gekommen, um gegen den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in der Kölner Lanxess Arena zu demonstrieren. „Allein wir erwarten 250 Reisebusse“, sagt Ufuk Cakir von der Alevitischen Gemeinde Deutschland, die die Demonstration organisiert hat.

          „Vermutlich werden es dann 50.000 Teilnehmer sein, weil sich auch viele andere Gruppen beteiligen.“ Tatsächlich tun sich auf dem Ebertplatz die Kurden zeitweilig als besonders eifrige Fahnenschwenker hervor, auch die Linkspartei ist beteiligt. Und ein einsamer Vertreter der „Freien Arbeiter/innen Köln“ reckt gut gelaunt seine rotes Schild empor. „Kapitalismus tötet. Staat ist Massenmord“, heißt es darauf.

          Den Ton aber geben selbstverständlich die Aleviten an. Auf der Ladefläche eines Lastwagens steht eine junge Frau und trägt mit heller Stimme die Botschaften der Erdogan-Gegner vor, als sich der Zug durch die Kölner Innenstadt in Bewegung setzt. Mit seinem Auftritt auf der anderen Rheinseite exportiere Erdogan innertürkische Konflikte nach Deutschland. „Erdogans Führungsstil ist autokratisch! „Erdogan ist der Feind aller Andersgläubigen. Erdogan hat ein antidemokratisches Verständnis von Staat und Gesellschaft.“

          Ufuk Cakir läuft an der Spitze des Zuges. In das Trillerpfeifenkonzert, die Sprechchöre und das Getute hinein, versucht er Interviews zu geben. Bei seinem Türkeibesuch kürzlich habe Bundespräsident Joachim Gauck sehr sachlich Kritik an den Demokratiedefiziten in der Türkei artikuliert, sagt Cakir. „Erdogan hat das dann brüsk zurückgewiesen. Und jetzt kommt er hierher und missbraucht das deutsche Gastrecht, um für sich und seine Clique Propaganda zu machen.“ Die AKP-Regierung Erdogans wolle ihre undemokratische Politik nach Deutschland exportieren. Schon bei seinen früheren Redeauftritten in Köln und Düsseldorf habe der türkische Ministerpräsident für einen Eklat gesorgt. „Er bezeichnete damals Assimilation als Verbrechen. Nun verfolgt er genau dieses Ziel bei allen Andersdenkenden.“

          Murettin Sencan steht an einer Absperrung und beobachtet den Protestzug aufmerksam. Der 64 Jahre alte Mann ist um halb sechs in Bielefeld aufgebrochen, um als Ordner dabei zu helfen, dass der Zug in seiner Bahn bleibt. Der Maschinenbauer ist 1970 aus der Türkei geflohen, weil er die damalige Regierung nicht mehr ertrug. „Und heute ist es kein bisschen besser“, sagt er. „Ich lebe nun seit 44 Jahren in Deutschland. Ich bin jetzt Deutscher. Ich weiß, was eine Demokratie ist!“ Sencan trägt wie alle Ordner einen gelben Schutzhelm mit dem Aufdruck „Soma“. Bei dem verheerenden Grubenunglück von Soma waren nach offiziellen Angaben 301 Bergleute ums Leben gekommen. Erdogans Regierung behaupte, es sei ein Unfall gewesen. „Aber das war kein Unfall, das war reiner Mord.“ Sicherheitsbestimmungen wurden bewusst ignoriert, um die Profitgier der AKP-Regierung zu stillen. „In der Türkei trauern die Leute und Erdogan macht hier Wahlkampfpropaganda, weil er Präsident werden will.“ 

          Eine Erdogan-Anhängerin verteilt in Köln Rosen an Polizisten an der Lanxess-Arena

          Gegen 16 Uhr sammelt sich der Zug der Demonstranten nach und nach auf einer Wiese am Aachener Weiher im Kölner Grüngürtel. Auf Erdogan-Anhänger sind die Aleviten nicht getroffen. Die strömen einige Kilometer entfernt in die Lanxess-Arena, um sich mit einem Vorprogramm in Stimmung zu bringen. Dass es ganz gut ist, die Parteien räumlich so klar zu trennen, war schon am Freitagabend deutlich geworden. In der Kölner Innenstadt war es zu einem Tumult gekommen als der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bülent Arinc und der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karsilioglu ein Restaurant zum Abendessen aufsuchten. Anhänger und Gegner der türkischen Regierung überzogen sich mit gegenseitigen Beleidigungen – bis die Polizei durchgriff.

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