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Demokratischer Wandel? : Arabisches Jahrhundertprojekt

  • -Aktualisiert am

Die „Arabellion“ ist so vielfältig wie die Araber. Sie wird länger dauern als nur einen Frühling. Welche politischen Systeme dabei herauskommen, ob überhaupt eine Demokratie nach westlichem Verständnis eine Chance hat, weiß niemand.

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          Die Unruhe in der arabischen Welt setzt sich fort, hat jedoch an Schwung verloren. Dass der erste Elan irgendwann einmal erlahmen werde, war von Beginn der „Arabellion“ an klar; und es weiß auch niemand, wie lange sich dieser Prozess hinziehen und zu welchem Ende er einmal führen wird. Während zwei Länder ihres „Führers“ verlustig gingen - Tunesien und Ägypten - behaupten sich andere, etwa der Syrer Assad und das Herrscherhaus in Bahrein, unter Anwendung brutaler Unterdrückungs-Methoden. Auf der Kippe stehen der Libyer Gaddafi, um den es offenbar doch enger wird, und der Jemenite Ali Abdullah Salih, der sich einstweilen in Saudi-Arabien aufhält, aber zurückkehren will. Ob Riad das zulassen wird, ist zweifelhaft.

          Für die fast gleichzeitig aufbrechende politische Unrast in großen Teilen Nordafrikas und im Nahen Osten hat diese Zeitung den treffenden Begriff der „Arabellion“ geprägt. Der darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die arabische Welt so wenig eine Einheit ist wie die Rebellionen, die sie gegenwärtig erschüttern. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Prozess einer politischen und gesellschaftlichen Verwandlung viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird, länger und unwägbarer jedenfalls als ein „arabischer Frühling“. Und welche politischen Systeme dabei herauskommen, ob überhaupt eine Demokratie nach westlichem Verständnis eine Chance hat, weiß niemand. Dass viele Protagonisten der Demokratie-Bewegung in Tunis und Kairo dies wollen, ist verständlich. Wie man sie unterstützen kann, ist strittig.

          Vom Hohen Atlas bis zum Golf

          Vor Jahrzehnten schon ist der französische Orientalist Maxime Rodinson in einem Standardwerk der Frage nachgegangen, was eigentlich „die Araber“ seien. Die Antwort war nicht einfach, denn ihre vom Atlantik bis zum Golf reichende Welt ist ein Kosmos für sich, der nur auf den ersten Blick eindeutig ist. Die meisten Araber sprechen wohl Arabisch, doch gibt es auch die Berber, die teilweise in die arabische Kultur integriert sind, teilweise aber auch nicht. Die meisten Araber sind Muslime, doch gibt es auch arabische Christen, die zum Beispiel eine reichhaltige Literatur in arabischer Sprache hervorgebracht haben. Seit Jahrzehnten stehen sie mit dem Rücken zur Wand, und ihre Hoffnungen, ein weltlich ausgerichteter arabischer Nationalismus, an dessen Herausbildung sie einmal besonders eifrig mitgearbeitet haben, werde das ändern, haben getrogen. Gerade das Scheitern des Nationalismus, der alle Araber vereinen wollte, hat deutlich gemacht, wie wenig einheitlich die arabische Welt in Wirklichkeit ist - trotz solcher Konstanten wie der hocharabischen Sprache, die von allen Gebildeten gesprochen und verstanden wird, und dem Koran als der Gründungsurkunde arabischer Weltgeltung.

          Unterschiedliche historische Prägungen kommen hinzu. Das Königreich Marokko etwa war wenige Jahrzehnte lang französisches, teilweise spanisches Protektorat, meistens jedoch ein selbständiges Herrschaftsgebiet unter der Dynastie der Alawiten, das auch nicht vier Jahrhunderte lang von den Osmanen beherrscht wurde, wie viele andere „Länder“ der Region. Seine Eigenständigkeit und Authentizität ist groß. Der König ist auch religiöses Oberhaupt. Dafür sind jene Maghrebländer, die länger von den Franzosen dominiert wurden, in vielen Institutionen stärker verwestlicht. Nicht von ungefähr begann die Demokratie-Bewegung in Tunesien.

          Ägypten und Syrien sind uralte Kulturländer, deren stark zentralistische Staatlichkeit sich schon in antiken Zeiten herausgebildet hat. Jung hingegen sind jene Staaten der Arabischen Halbinsel, die durch das Erdöl aus der Epoche beduinischen Stammes-Daseins in das Zeitalter der Globalisierung katapultiert worden sind. Die meisten von ihnen wurden auch zu Staaten, weil westliche Mächte - die Briten und Franzosen allen voran - sie dazu machten und sogar ihre Grenzen festlegten: Irak, Libanon, Jordanien, Kuweit, Vereinigte Arabische Emirate. Ein Sonderfall ist der Jemen, dessen Stammesgesellschaft noch weitaus archaischer ist als diejenige der Nachbarländer.

          Stabilität vor Freiheit

          Zu unterscheiden wäre auch zwischen eben jenen konservativen Golf-Monarchien, die geringe Bevölkerungen und viel Geld haben, und den großen Flächenstaaten, deren ökonomische Ressourcen oft eher bescheiden sind. Dort sind die sozialen Spannungen viel größer. Lange sind die Kernländer im „Fruchtbaren Halbmond“ von Militärdiktaturen geprägt worden, teilweise werden sie es noch immer. Dies hat damit zu tun, dass die wichtigsten Anstöße zu Reformen und Modernisierungen zunächst auf dem Felde des Militärs gegeben wurden. Dies war - ausgehend vom Osmanischen Reich und seiner Heeresreform unter Selim III. - etwa in Algerien, Libyen, im Irak und in Syrien der Fall. Teilweise sind die Militärherrschaften auch die Fortsetzung von politischen, militanten Befreiungsbewegungen.

          Am Beispiel Syriens und Bahreins zeigt sich, dass die Nachbarn wie die übrige Welt geringeres Interesse an Veränderungen haben, wenn diese die eigenen Kreise zu sehr stören. In Libyen ist das anders. Gaddafi ist zum Abschuss freigegeben. Anderswo hingegen ist die „Arabellion“ sicherlich ein Jahrhundertprojekt.

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