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Demokraten gegen Trump : Identitätspolitik pervers

  • -Aktualisiert am

Sie wollte keinen Handschlag: Frau Warren ließ Herrn Sanders nach der Debatte abblitzen Bild: AP

Kann eine Frau Präsidentin der Vereinigten Staaten werden? Oder nochmal ein Schwarzer? Viele Demokraten verneinen das aus Wut über Trumps Sieg. Doch sie stellen die falschen Fragen.

          3 Min.

          Die amerikanischen Wähler werden vermutlich nie Gewissheit erlangen, ob der sozialistische Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders seine linke Rivalin Elizabeth Warren tatsächlich wissen ließ, eine Frau habe grundsätzlich keine Chancen auf einen Wahlsieg. Doch für Warren könnte es sich rächen, dass sie den Sexismus-Vorwurf kurz vor den ersten Vorwahlen ins Zentrum der Debatte gerückt hat.

          Denn unzählige Anhänger und auch Anhängerinnen der Demokraten würden Sanders‘ angebliches Verdikt aus dem Jahr 2018 sofort unterschreiben. Nicht, weil sie selbst einer Frau nicht zutrauen würden, das Land zu regieren. Sondern, weil sie nach Hillary Clintons Niederlage gegen den vielfach überführten Rassisten und Sexisten Donald Trump ihren Mitbürgern nicht (mehr) zutrauen, das auch so zu sehen. Clinton selbst hatte in der Analyse ihrer Schmach vom November 2016 ja ausführlich darauf hingewiesen, wie viel schwerer sie es ihres Geschlechts wegen gehabt habe.

          Identitätspolitik steht an der Demokraten-Basis bis heute hoch im Kurs. Man darf davon ausgehen, dass eine Mehrheit jener engagierten Anhänger, die in den kommenden Monaten in den Vorwahlen den Trump-Herausforderer ihrer Partei bestimmen werden, im Grunde ihrer Herzen gern erstmals eine Frau oder auch abermals eine „person of color“, also einen nicht-weißen Politiker, im Weißen Haus sähe. Doch viele sind diesmal entschlossen, ihre progressiven Wünsche der (wahrgenommenen) Wirklichkeit unterzuordnen – Wählbarkeit ist das oberste Gebot. Für viele Vorwählerinnen und Vorwähler lautet die Logik: Wenn nur ein alter, weißer Mann Präsident werden kann, dann soll es wenigstens ein alter, weißer Demokrat sein.

          Die meisten Schwarzen bauen auf Biden

          Am deutlichsten wird dieser Primat taktischen Denkens derzeit unter afroamerikanischen Wählern. Die seit Monaten deutliche Präferenz dieser wichtigen Wählergruppe für Joe Biden hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in der Fernsehdebatte am Dienstagabend nur noch Weiße auf der Bühne standen. Der auch unter Schwarzen durchaus populären afroamerikanischen Senatorin Kamala Harris, die zwischenzeitlich zu den Favoriten gezählt hatte, war schon im Dezember das Geld ausgegangen. Der hispanische Hoffnungsträger Julian Castro gab zu Jahresbeginn auf. Die beiden Afroamerikaner Cory Booker und Deval Patrick, beide ebenfalls hochgeschätzt in der „schwarzen Community“, konnten nicht die Umfragewerte und Spender-Zahlen vorweisen, um an der Debatte teilnehmen zu dürfen; Booker zog sich deshalb ebenfalls zurück.

          Demoskopische Untersuchungen legen nahe, dass Afroamerikaner von Trumps Sieg besonders gekränkt waren. Sie nahmen ihn als Versuch der weißen Mehrheit wahr, die Präsidentschaft Barack Obamas gleichsam als historischen Irrtum abzustempeln. Viele der tonangebenden Pastoren und Bürgerrechtler haben über die Jahrzehnte ihren Sinn für Pragmatismus geschärft. Die beste Chance, Trump zu schlagen und Obama zu rehabilitieren, sehen sie nicht darin, trotzig eine oder einen der Ihren für die Nominierung vorzuschlagen. Sondern sie setzen auf Joe Biden, immerhin den Vizepräsidenten des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten.

          Zum zweiten Mal in Folge fällt dadurch ein Schatten auf den Vorwahlprozess. Wie viel ist übrig von dem an sich urdemokratischen Verfahren, in dem die Anhänger einer Partei deren Kurs bestimmen? Vor vier Jahren hatte das Verfahren dazu geführt, dass beide Parteien die mit Abstand unbeliebtesten Kandidaten aufstellten. Im Fall der Republikaner wedelte gleichsam der Schwanz der Partei mit dem Hund – eine Art feindliche Übernahme. Im Fall der Demokraten war es umgekehrt das von den Clintons seit Jahrzehnten kultivierte Establishment, das die Pflöcke einschlug. Wer junger Demokrat war und Ambitionen hegte, traute sich meist nicht, Clinton in die Quere zu kommen. Bernie Sanders wollte eigentlich bloß Aufmerksamkeit für seine sozialistischen Thesen und merkte selbst zu spät, dass er eine reelle Chance hatte.

          Die Wähler bilden die Umfragen ab

          Diesmal wirkt es so, als bekämen die professionellen Politik-Deuter – Demoskopen, Leitartikler, Kommentatoren – einen übermäßigen Einfluss auf das Ergebnis. Denn wenn die Frage aller Fragen nicht lautet, welche Politik die Demokraten verfolgen sollen, sondern wer die besten Chancen hat, Trump zu besiegen, dann bilden nicht die Umfragen die Stimmung unter den Vorwählern ab, sondern die Vorwähler die Umfragen.

          Was aber ist, wenn die Analyse der taktischen Wähler falsch ist? Wenn Trump in erster Linie gar nicht deshalb gewonnen hat, weil so viele Amerikaner die Erinnerung an einen schwarzen Mann im Weißen Haus tilgen und partout nicht für eine Frau stimmen wollten, sondern weil sie Wandel ersehnten und Clinton für Kontinuität stand? Dass es auch solche Wähler gab, und zwar in entscheidenden Staaten, belegt die erhebliche Zahl von Amerikanern, die zweimal ihr Kreuz bei Barack Hussein Obama gesetzt hatten, dann aber Donald J. Trump wählten. Mit identitätspolitischen Motiven lässt sich das kaum erklären.

          Diesmal bietet nicht eine 69 Jahre alte ehemalige First Lady und Außenministerin, sondern ein 77 Jahre alter früherer Vizepräsident den Amerikanern eine Fortsetzung der Obama-Ära an. Die Frage ist, ob der Hunger darauf unter den entscheidenden Wechselwählern 2020 größer ist als vor vier Jahren.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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