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Demographie : Neue Kinder braucht das Land

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Die Bevölkerung schrumpft. Einwanderung ist kein Weg aus der demographischen Falle.

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          Wie viele Menschen kann die Erde tragen, wie viele ertragen? Wegen des Einwanderungsgesetzes, über das im Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat gestritten wird, erscheint der Hinweis angebracht, daß Bevölkerungsfragen nicht nur eine nationale, sondern stets auch eine globale Seite haben. Irgendwann in der Zukunft muß das Wachstum der Weltbevölkerung aufhören, denn unbegrenzt viele Menschen kann die Erde nicht aufnehmen.

          Zur Zeit sieht es so aus, als werde sich die Weltbevölkerung noch in diesem Jahrhundert stabilisieren und von gegenwärtig sechs Milliarden Menschen "nur noch" auf etwa acht bis zehn Milliarden wachsen. Würden die Vereinten Nationen eine Meinungsumfrage zu diesem Thema in Auftrag geben, würde sich wahrscheinlich zeigen, daß die Mehrheit es gut fände, wenn die Weltbevölkerung nicht mehr weiterwüchse. Auch in Deutschland herrscht diese Meinung wohl vor. Nur für das eigene Land befürworten viele mehr Wachstum. Diffuse Ängste verbinden sich hierzulande mit dem Begriff "Bevölkerungsschrumpfung".

          Solche Horrorvorstellungen gab es schon in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Kinderzahlen scheinbar unaufhaltsam zurückgingen und den Leuten eingeredet wurde, nur ein großes Volk sei ein starkes, gesundes Volk. Die Nationalsozialisten etwa appellierten mit der Goebbels-Parole an die Frauen, "dem Führer möglichst viele Kinder zu schenken". Einige taten das, aber längst nicht so viele, wie später behauptet wurde. Neuere Untersuchungen haben jedenfalls ergeben, daß die Geburtenraten damals nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern auf Grund der allgemeinen weltwirtschaftlichen Erholung stiegen.

          Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es wieder ein Wirtschaftsaufschwung, der für eine optimistische Grundstimmung und relativ viele Geburten in Deutschland sorgte. Doch Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre war die Zeit der starken Jahrgänge zu Ende, begannen die Geburtenzahlen zu sinken. Das ist als "Pillenknick" bezeichnet worden. Tatsächlich war es vor allem der Wunsch der Frauen nach Selbstverwirklichung im Beruf, der zu einem Wandel des generativen Verhaltens führte.

          Das neue Rollenverständnis der Frauen war nie nur auf Deutschland beschränkt, sondern hat von Anfang an fast alle Industriestaaten der westlichen Welt ergriffen. Absurd war und ist daher die Behauptung, in Deutschland gebe es "keine Kinder mehr", weil die Frauen egoistisch und nur an ihrer Karriere interessiert seien. Als ebenso zweifelhaft ist allerdings das Urteil einzuschätzen, wegen der mit der Kinderaufzucht verbundenen finanziellen Belastungen führe Kinderreichtum in die Armut. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mußten die Familien mit wesentlich weniger Geld auskommen und hatten trotzdem mehr Kinder als heute. Hohe Kindergeldzahlungen haben denn auch nicht in jedem Fall höhere Geburtenzahlen zur Folge. Schon eher wirkt sich die in Frankreich weitgehend praktizierte Ganztagsbetreuung der Kinder auf die durchschnittliche Zahl der Kinder je Frau aus. In Frankreich jedenfalls nähert sich diese Zahl allmählich wieder dem sogenannten Bestandserhaltungsniveau, das heißt jede Frau hat durchschnittlich 1,8 bis 1,9 Kinder. Erst bei 2,1 Kindern je Frau bleibt die Einwohnerzahl jeweils stabil. Deutschland ist davon mit 1,3 Kindern je Frau noch weit entfernt.

          Noch wird dieses Defizit durch Zuwanderung ausgeglichen. Doch ist abzusehen, daß sich der Schrumpfungsprozeß beschleunigen wird, wenn die Kinderzahlen der in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren geborenen schwächeren Jahrgänge konstant niedrig bleiben, wonach es aussieht. In Zukunft müßten demnach Jahr für Jahr mehr als 200.000 Einwanderer aufgenommen werden, wenn die jetzige Einwohnerzahl von etwa 82 Millionen gehalten werden soll. Doch ist das nötig? Noch herrscht die Überzeugung vor, das gesamte soziale Gefüge werde ins Rutschen kommen, wenn die Bevölkerung schrumpfe, zumal wenn man die zunehmende Alterung der Bevölkerung berücksichtige. Die veränderte Bevölkerungsstruktur ist eine so gewaltige Herausforderung, daß sorgfältig überlegt werden muß, ob sich Deutschland noch weitere Lasten mit einer, wenn auch gesteuerten, massiven Einwanderung aufladen sollte. Die jetzt schon ungenügende Integration der hier lebenden Ausländer könnte dann leicht zu einer unlösbaren Aufgabe werden.

          Die Folgen einer Schrumpfung der Bevölkerung ohne Abfederung durch Einwanderung wären sicher nur mit großen Anstrengungen zu bewältigen und mit vielerlei Einschränkungen verbunden, doch möglicherweise immer noch eher zu verkraften als die mit massiver Einwanderung unweigerlich auftretenden inneren Spannungen.

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