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Demographie : Die Katastrophe ist im Alltag angekommen

Jedes Alter zählt Bild: kum.

Über die demographische Katastrophe zu philosophieren, ist viel einfacher als im Alltag damit zurecht zu kommen. Da helfen Alarmismus und Jetzt-tut-doch-endlich-was-Appelle nicht viel weiter.

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          Von den bombastischen Szenarien, die vor Jahr und Tag zum Thema Demographie entworfen wurden - man konnte den Eindruck haben, demnächst fege über Deutschland noch einmal der Dreißigjährige Krieg hinweg -, ist wenig übrig geblieben. Aus dem vermeintlichen Drama ist ein ziemlich langatmiges Stück geworden, in dem die Rente mit 67 bislang noch zu den aufregenderen Kapiteln gehörte.

          Doch auch der schon merkliche Fachkräftemangel, der Mangel an Lehrlingen (wann hat es das je gegeben?), die noch immer ausstehende Reform der Pflegeversicherung, das Einwanderungsland, die Familienpolitik oder die pausenlosen Schulreformen gehören dazu. Das alles ist von der Warte eines statischen Gesellschaftsbildes in der Tat eine bombastische Katastrophe. Doch wer noch etwas anderes erlebt hat als das schwerfällige Gewässer der Bundesrepublik, für den ist es: Entwicklung.

          Es ist natürlich spannender, über ausgestorbene Landstriche, über kopfstehende Alterspyramiden, über hilflose Rentnerheere und eine überforderte Jugend zu philosophieren als über neue Möglichkeiten des Nahverkehrs nachzudenken, eine ehrenamtliche Demenz-Betreuung zu organisieren oder sich mit desinteressierten Telekommunikationsunternehmen herumzuschlagen, auf dass sie im Dorf endlich für einen anständigen Internetzugang sorgen.

          Doch darum geht es, und viele Bürger und Bürgermeister sind schon lange aktiv, ohne dass sie dabei an das Ende der Welt denken. Man kann nur hoffen, dass der jährliche Berliner Demographie-Gipfel, der nun den Himalaja solcher Gipfelveranstaltungen komplettiert, sich mit diesen Alltagsfragen und nicht mit Katastrophenszenarien oder Nun-tut-endlich-was-Appellen beschäftigt.

          Die Kanzlerin, ganz die Mutter der schrumpfenden Nation, hat eine neue Formel gefunden, um die vielen kleinen Stücke wieder zu einem großen Drama zusammenzufügen: „Überall müssen wir schauen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet, sondern dass wir den Zusammenhalt pflegen.“

          Die Gesellschaft als Gemeinschaft? Oder doch wenigstens als große Familie? Da werden nicht alle mitmachen wollen. Die entscheidende der vielen Alltagsfragen - da ist die Gesellschaft dann doch mehr Patchworksippe als Großfamilie - ist am Ende wohl die Anerkennung. Man könnte es auch Betreuungsgeld nennen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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