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Debatte um Hessentag : Vielen lieb und allen teuer

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Mini-Folklore: Was bleibt vom identitätsstiftenden Drei-Tage-Fest? Bild: dpa

Der Hessentag wird wegen seiner hohen Kosten von manchen in Frage gestellt. Nicht so von der Regierung in Wiesbaden. Ein Defizit, heißt es dort, müsse kein Verlust sein.

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          Im Jahr 1999 in Baunatal überschritten die Besucherzahlen erstmals die Millionengrenze, ebenso wie in der Folge in Dietzenbach, Butzbach, Langenselbold, Stadtallendorf, Oberursel, Wetzlar, Bensheim und Rüsselsheim. Gemessen daran ist der Hessentag nicht nur Deutschlands ältestes und größtes, sondern auch das mit Abstand erfolgreichste Landesfest. 2003 stellte Kassel mit 1,8 Millionen Gästen den Rekord auf. 862.000 zählte der bisher letzte Hessentag vom 7. bis 16. Juni in Bad Hersfeld. Damit war an den zehn Festtagen rein rechnerisch jeder siebte Landesbewohner dabei.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Der Hessentag ist eine Abstimmung mit den Füßen“, meint der Chef der Hessischen Staatskanzlei, Minister Axel Wintermeyer (CDU). Holger Bellino, der Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU im Landtag, wird vor lauter Begeisterung sogar poetisch: „Der Hessentag, das ist doch klar, ist ein Erfolg in jedem Jahr.“ Und doch regt sich immer wieder Kritik an den Auswüchsen der Feier, denn nicht nur die Besucherzahlen, auch die Kosten sind enorm, und die Veranstalterstädte verzeichnen am Ende der fröhlichen zehn Tage stets ein Defizit.

          Überteuertes „Unterhaltungsevent“

          Grundsätzlich sei gegen das Landesfest nichts zu sagen, meint der Landesvorsitzende des Bundes der Steuerzahler, Joachim Papendick. „Aber es wird Zeit, dass man sich wieder auf die Wurzeln des Hessentags besinnt.“ Was in den sechziger Jahren als bescheidenes Fest an einem Wochenende begonnen habe, sei zu einem überteuerten „Unterhaltungsevent“ mit austauschbaren Kirmesbuden und Konzerten internationaler Stars „ohne jeglichen Bezug zur Region“ geworden.

          Star der Mega-Party: Helene Fischer auf dem Hessentag in Kassel 2013 Bilderstrecke

          Um diesen „Gigantismus“ zu beenden sollte das Fest kürzer oder in einem anderen Turnus gefeiert werden, meint Papendick. Der Rheinland-Pfalz-Tag beschränke sich auf ein Wochenende, Nordrhein-Westfalen und Thüringen kämen sogar mit einem dreitägigen Fest im Zwei-Jahres-Rhythmus aus. „Unsere Nachbarn leiden wegen ihrer Bescheidenheit sicher nicht an Identitätsproblemen, haben dafür aber etliche Millionen für Wichtigeres zur Verfügung.“

          Hat sich dennoch gelohnt

          Der Landeszuschuss für das Hessenfest wurde in den vergangenen Jahren schon von zehn auf 8,5 Millionen Euro verringert. Bei einem gleichbleibenden Investitionszuschuss von mindestens 6,5 Millionen Euro reduzierte sich die mögliche Beteiligung des Landes an den Kosten des Festbetriebes von 3,5 auf zwei Millionen Euro. Die Städte können wählen, ob sie den über den Mindestbetrag von 6,5 Millionen Euro hinausgehenden Zuschuss für den Festbetrieb oder für weitere Investitionen verwenden.

          Der Landesrechnungshof hat am Beispiel Hofgeismar eine finanzielle Hessentags-Bilanz gezogen: Das 2015 von rund 750.000 Menschen besuchte Fest in der Stadt 20 Kilometer nördlich von Kassel, kostete demnach 8,43 Millionen Euro. Nach Abzug des Landeszuschusses von damals noch 3,5 Millionen Euro und der bei kommerziellen Veranstaltungen eingenommenen 3,6 Millionen Euro blieb für die Stadt zwar ein betriebswirtschaftliches Defizit in Höhe von 1,33 Millionen Euro. Für Hofgeismars Bürgermeister Markus Mannsbarth (SPD) hat sich der Aufwand, dank der zusätzlich geflossenen Fördermillionen, beispielsweise für die Verschönerung der Fußgängerzone und des Bahnhofs, dennoch gelohnt. Hinzu komme der Imagegewinn für die Stadt. „Hofgeismar hätte nichts Besseres passieren können als der Hessentag.“

          Unbezahlbare und nachhaltige Wirkung

          Der Hessentag sei seit mehr als fünf Jahrzehnten ein Publikumsmagnet, sagte Minister Wintermeyer. „Wir wollen, dass möglichst viele Menschen die Gelegenheit haben, ihn zu besuchen. Deshalb geht er über zwei Wochenenden.“ Der Steuerzahlerbund vergleiche Äpfel mit Birnen, indem er Investitionen der ausrichtenden Stadt und des Landes in bleibende Werte zu den Kosten für den laufenden Betrieb addiere. „Das wäre, wie wenn Sie privat ein Haus bauen, die Investitionen für den Bau mit denen der Einweihungsfeier zusammenrechnen und dann sagen: Die Feier hat zu viel gekostet.“ Entscheidend sei, dass die Ausrichterkommune die Organisation des Hessentages mit ihrer langfristigen Stadtentwicklungsperspektive verbinde. Mit der auf 8,5 Millionen Euro reduzierten Landesförderung würden städtische Projekte und Infrastrukturvorhaben verwirklicht, die schon lange geplant gewesen seien und die für Jahrzehnte Bestand hätten. Hinzu kämen hohe private Investitionen. Unter dem Strich habe der Hessentag eine unbezahlbare und nachhaltige Wirkung für die ausrichtende Kommune, für die Region und für das Land. „Deshalb rechnet er sich.“

          Die Grünen im Landtag gehörten jahrelang zu den schärfsten Kritikern des Hessentages und forderten aus Kostengründen einen nur noch zweijährigen Rhythmus für die „Megasause“. Inzwischen in der Regierungsverantwortung, äußert sich der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Mathias Wagner, eher vorsichtig: Sicher sei der Hessentag für seine Besucher sowie für die austragende Stadt ein Ereignis. „Gleichzeitig bleibt jedes Jahr neu die Frage berechtigt: „Geht‘s auch ein bisschen kleiner?“

          Für den AfD-Landtagsabgeordneten Arno Enners ist der Hessentag unverzichtbar, weil er die hessische Identität und den Zusammenhalt im Land stärke. „Letzteres erscheint uns, gerade in diesen Zeiten, als ein sehr wichtiger Aspekt.“ Allerdings sei aus Kostengründen zu erwägen, die Feierlichkeiten auf fünf oder sieben Tage zu begrenzen. Einmal im Jahr muss Hessenfest sein, meint auch der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Günter Rudolph; über die Dauer hingegen lasse sich reden. Linken-Fraktionschefin Janine Wissler hält das Hessenfest für „zu kommerziell und zu groß“. Entweder, meint sie, sollte kürzer oder eben nur noch alle zwei Jahre gefeiert werden.

          Für solche Experimente sieht Staatskanzleichef Wintermeyer keinen Anlass. Das Interesse, Hessentagsstadt zu werden, sei ungebrochen. Im nächsten Jahr werde in Bad Vilbel gefeiert, 2021 in Fulda und 2022 in Haiger. Für das Jahr 2023 haben nach Auskunft von Wintermeyer bereits Kommunen ihr Interesse bekundet, und für 2024 hat das nordhessische Fritzlar sogar schon seine Bewerbung eingereicht. „Das neue Konzept zieht“, sagt der Minister, „auch wenn es weniger Geld gibt als noch vor zehn Jahren.“

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