https://www.faz.net/-gpf-y7jc
 

Debatte über PID : Grenzen sind schon überschritten

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Die Debatte der Christdemokraten über die Präimplantationsdiagnostik war ein beeindruckender Beitrag zur politischen Kultur. Die Realität ist, dass weder ein CDU-Parteitag, noch der Bundestag die Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin aufhalten können.

          1 Min.

          Die Präimplantationsdiagnostik gehört – wie die Stammzellenforschung und früher schon die Abtreibungsregelung – zu den Fragen, denen die Politik nicht ausweichen, die sie aber auch niemals befriedigend lösen kann.

          Der beste Beitrag, den sie leisten kann, ist die Debatte: das öffentliche Vortragen von Argumenten, die jedem Zuhörer helfen, sein eigenes Gewissen zu befragen. Das hat der CDU-Parteitag am Dienstag geleistet. Die PID-Debatte war ein beeindruckender Beitrag zur politischen Kultur, auch weil sie mit großem gegenseitigem Respekt geführt wurde. Sie hat weder „den Weg für die notwendige gesellschaftliche Diskussion verstellt“, wie Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger meinte, noch den aus der SPD erhobenen Vorwurf „rückwärtsgewandt“ verdient.

          Selektion bleibt Selektion

          Von wegen rückwärtsgewandt: Die Delegierten, die sich mit knapper Mehrheit für ein klares Verbot der PID aussprachen, haben nicht weniger an die Zukunft als an die Vergangenheit gedacht. Denn wer angesichts gegenwärtiger Wünsche und medizinischer Möglichkeiten vergisst oder verdrängt, dass sie nur die Wiederkehr früherer Versuchungen sind, der wird möglicherweise dazu verurteilt sein, eine fatale Vergangenheit zu wiederholen.

          Selektion – der Begriff, der unauflöslich mit der PID verbunden ist – bleibt Selektion. Das kann auch nicht dadurch überdeckt werden, dass die Befürworter dieser Methode nicht mehr von lebensunwertem Leben und nicht einmal von Behinderungen sprechen, sondern nur von „schweren erblichen Vorbelastungen“, die das Aussortieren einer Zelle in der Petrischale rechtfertigen soll.

          PID in „engen Grenzen“ - eine Illusion

          Die Frage ist, ob der „Dammbruch“, gegen den sich – mit der Bundeskanzlerin an der Spitze – die Mehrheit der CDU-Delegierten stemmte, nicht schon längst passiert ist. Da hatten die Befürworter der PID einige Argumente auf ihrer Seite.

          Ist es nicht humaner, eine Zelle absterben zu lassen als einen Embryo? Darf man die Augen vor dem sehnlichen Kinderwunsch erblich belasteter Paare verschließen? Die Realität ist, dass weder ein CDU-Parteitag, noch der Bundestag die Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin aufhalten kann. Eine Illusion ist deshalb auch, dass die PID „in engen Grenzen“ erlaubt werden könne. Diese Grenzen sind schon überschritten. Und doch werden wir das Leid nicht aus der Welt schaffen.

          PID - Was ist das?

          Unter Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, versteht man die genetische Untersuchung eines Embryos, der durch künstliche Befruchtung entstanden ist. An Tag drei nach der Befruchtung, wenn der Embryo achtzellig ist, wird ihm eine Zelle entnommen und auf bestimmte Erbmerkmale hin untersucht. Der künftigen Mutter werden schließlich nur Embryonen eingesetzt, die etwa eine schwere Erbkrankheit nicht in sich tragen. Umstritten ist das Verfahren insbesondere deshalb, da in der Regel mehrere Embryonen gezeugt werden, um aus diesen den oder die besten auszuwählen.

          Urteil des Bundesgerichtshofs

          Bis zu einem Urteil des Bundesgerichtshofs im Juli 2010 galt die PID in Deutschland als verboten. Nach dem Embryonenschutzgesetz (ESchG) ist es unzulässig, mit totipotenten Zellen - das sind Zellen, die sich noch zu einem eigenständigen Individuum entwickeln können - zu experimentieren, weil sie dabei zerstört werden. Dies fällt unter das Klonverbot.

          Diskutiert wird hingegen, ob das ESchG auch verbietet, in einem späteren Embryonalstadium, der Blastozyste, pluripotente Zellen, die sich nicht mehr zu einem Individuum entwickeln können, zu diagnostischen Zwecken zu entnehmen. Hier entstehen ethische Probleme unter anderem dann, wenn nach der Untersuchung entschieden wird, die befruchtete Eizelle nicht einzusetzen. Die künstliche Befruchtung von Eizellen zu anderen Zwecken als zur Herbeiführung einer Schwangerschaft, ist laut ESchG verboten.

          Die Bundesärztekammer ging schon vor zehn Jahren in einem Diskussionspapier zur PID davon aus, dass die Entnahme dieser Zellen zu diagnostischen Zwecken erlaubt sei.

          Debatte im Nationalen Ethikrat

          Die nationalen Ethikräte haben sich zweimal mit der Frage beschäftigt, ob die PID unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt werden sollte: Die Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ votierte 2002 mehrheitlich für ein Verbot; im Nationalen Ethikrat hingegen war die Mehrheit 2003 dafür, das Verfahren der PID in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen zu erlauben. Beide Gremien forderten die Politik auf, die gesellschaftliche Diskussion zu fördern und gesetzliche Klarheit zu schaffen.

          Dazu kam es aber bisher nicht. So wurden zum Beispiel zwei Gesetzesvorschläge der FDP zur Klärung der Rechtslage abgelehnt. Auch das am 1. Februar 2010 in Kraft getretene Gendiagnostikgesetz gilt nicht für die PID.

          Der Bundesgerichtshof urteilte nun, dass die PID unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt sei, da der Arzt bei der Befruchtung die Absicht habe, eine Schwangerschaft herbeizuführen und die Entnahme der Zellen nicht missbräuchlich sei. Zur Begründung verwies das Gericht darauf, dass das ESchG die neuere wissenschaftliche Methode der Entnahme pluripotenter Zellen noch nicht erfasst haben könne. Auch das Absterbenlassen der Embryonen nach einem bestimmten negativen Befund sei keine missbräuchliche Verwendung.

          Im September gab der Deutsche Ethikrat bekannt, dass er bis zum Sommer 2011 eine weitere Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik erarbeiten wird. Der Bundestag wird die Legalität der PID voraussichtlich im kommenden Frühjahr klären. (nawo.)

          Weitere Themen

          Fast zurück in der Normalität

          Lockerungen in der Schweiz : Fast zurück in der Normalität

          Die Schweiz schafft die Quarantänepflicht für Einreisende aus anderen Schengen-Mitgliedstaaten ab. Wer ein Impfzertifikat vorweisen kann, darf künftig auch ohne Maske Discotheken, Clubs und Konzerte besuchen.

          Angela Merkels letzte Befragung Video-Seite öffnen

          Im Bundestag : Angela Merkels letzte Befragung

          Bei ihrer Befragung im Bundestag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem das ungarische Gesetz deutlich kritisiert, das Materialien über Homosexualität und Geschlechtsumwandlungen an Schulen zensiert.

          Topmeldungen

          Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

          Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

          Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.