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Debatte über Atomausstieg : Grüne Mythen

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Alter Aufkleber - neue Debatte Bild: AP

Die Technikfeinde von gestern sind die Technokraten von heute. Die auflebende Debatte über Sinn und Unsinn des deutschen Alleingangs in der Atomenergie lässt die Grünen in eine Igel-Stellung zurückfallen.

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          Die auflebende Debatte über Sinn und Unsinn des deutschen Alleingangs in der Atomenergie lässt die Grünen in eine Igel-Stellung zurückfallen. Ratschläge von ehemaligen Weggefährten, sich der Realität zu stellen, dass man nicht gleichzeitig aus der Kernenergie und der Kohle aussteigen könne, werden kratzbürstig als „Kommentare von der Seitenauslinie“ zurückgewiesen. Die gereizten Reaktionen zeigen, wie wenig die Grünen, einschließlich ihrer wohlmeinenden Kritiker, ihre eigene Geschichte reflektiert haben.

          Der frühere Grünen-Politiker und heutige Politologe Hubert Kleinert erhebt den Widerstand gegen die Atomkraft und den Pazifismus noch einmal zu den „Gründungsmythen der Partei“. Stimmt das eigentlich? Richtig ist, dass die Grünen, wie Kleinert sagt, gewissermaßen „auf den Baustellen von Wyhl und Wackersdorf entstanden“ sind.

          Brandzeichen „Technokrat“

          Die damaligen Massenproteste richteten sich aber nicht so sehr gegen eine bestimmte Art der Energieerzeugung, sondern gegen einen Staat, der in ihren Augen dabei war, die Natur und die Demokratie den Interessen der Konzerne zu opfern. Atomanlagen waren lediglich die greifbaren Sinnbilder für diese Entwicklung. Und Robert Jungks „Atomstaat“ war die Chiffre für den Marsch in die Diktatur des Kapitals.

          Die Repräsentanten dieser Politik nannte man in den siebziger Jahren „Technokraten“. Das Wort war ein Brandzeichen; es wurde Politikern aufgedrückt, die neue Straßen beschlossen, oder Unternehmern, die ihre Fabrik erweitern wollten. Die „Technokratie“, das war der übergeschnappte Kapitalismus, der Menschen durch Maschinen ersetzte und von der Technik die Lösung der Menschheitsprobleme erwartete, einschließlich des Weltfriedens. Zugegeben: Nicht nur bei Politikern und Managern, auch im traditionellen Arbeitermilieu herrschte eine Fortschrittsgläubigkeit vor, für die sich manche Sozialdemokraten noch heute genieren.

          Aber keinem Politiker und keinem Konzernboss wäre es damals im Traum eingefallen, die Welttemperatur regeln zu wollen. Selbst wenn man ihnen gesagt hätte, sie müssten nur noch ein paar zusätzliche Kohlemeiler aufstellen, dann würde es bald auch in Deutschland etwas wärmer werden – sie hätten es nicht getan. Solche Technokraten gibt es erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts.

          Allmachtsphantasien einstiger Technikfeinde

          Sie wollen zwar nicht mehr, sondern weniger Kohlekraftwerke, aber sie versprechen uns dafür, die Erderwärmung stoppen zu können. Nur weil es jetzt die Technikfeinde von gestern sind, die uns mit solchen Allmachtsphantasien verwirren, reden wir nicht mehr von Technokraten. Aber sie sind es: die Grünen.

          Kurz war der Weg von einer Graswurzelbewegung, die gegen die Mächtigen zu Felde zog, zu einer Partei, die nun selbst mächtige Lobbygruppen hinter sich hat. Die Grünen waren zwar nicht die Ersten, die das keimende Unbehagen über den technischen Fortschritt in politische Bahnen lenkten, aber nur ihnen gelang es, sich mit diesem Thema im Parteienspektrum zu etablieren. Angeführt von erprobten Achtundsechzigern, wurden die Grünen zum Kristallisationspunkt einer Bewegung, welcher der Club of Rome 1972 die Gründungsakte geliefert hatte.

          Mit ihrer Opposition gegen eine Wachstumspolitik, die auf Raubbau an der Natur basierte, trafen sie nicht nur den Nerv der Zeit, sie kamen auch gerade recht, um die Umstellung der Industriegesellschaft auf Dienstleistungen und Hochtechnologie zu befördern. Deutsche Werften, Stahlwerke, Zechen und Textilfabriken konnten dem globalen Wettbewerb ohnehin immer weniger standhalten. Das heißt aber auch: Selbst wenn es die Grünen nicht gegeben hätte, wäre der Himmel über dem Ruhrgebiet heute blauer als vor dreißig Jahren.

          Konkret wurde grüne Politik immer im Widerspruch

          Groß geworden sind die Grünen (und mit ihnen die Umweltverbände) vor allem als Verhinderer: Atomanlagen, Straßen, Flughafenerweiterungen, Flächennutzungsplänen und Gewerbegebieten setzten sie zum Teil gewalttätigen Widerstand entgegen, wobei sie zumindest in ihren Anfängen keine Skrupel hatten, die eigene Unfriedlichkeit als Notwehr gegen den „Polizeistaat“ zu rechtfertigen. Was immer es daneben an positiven Visionen von einer gewaltfreien, friedliebenden, ökologischen und diskriminierungsfreien Gesellschaft gab – konkret wurde grüne Politik immer im Widerspruch: Der Kampf Davids gegen Goliath war die Rolle ihres Lebens.

          Die passt aber schon lange nicht mehr zu den Grünen. Regierungspartei in den Ländern wurden sie schon in den achtziger Jahren, 1998 auch im Bund. In der rot-grünen Koalition zwang der grüne David den angeblich so mächtigen Konzernen sogar den Ausstieg aus der Kernenergie auf. Ihre Voraussage, dass die friedliche Nutzung der Kernenergie erst die freiheitliche Demokratie und dann auch noch die gesamte Menschheit unter sich begraben würde, haben die Grünen damit selbst widerlegt. Der Atomstaat ist nicht eingetreten. Und ihren Frieden mit dem real existierenden hat die grüne Partei längst gemacht. Die Trennung von falschen Gründungsmythen sollte da nicht mehr so schwerfallen.

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