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Datenaffäre : Friendly Fire

  • -Aktualisiert am

Im Visier des amerikanischen Geheimdienstes waren viele Daten aus Deutschland. Können wir uns dagegen schützen? Theoretisch ja, praktisch kaum.

          3 Min.

          Wie kein anderer Präsidentenwahlkämpfer vor ihm hat Barack Obama das Internet für sich eingespannt, online Helfer mobilisiert, seine Botschaften getwittert und sich via Facebook in Szene gesetzt. Einmal im Amt, pflegte Obama das Image eines „Präsidenten 2.0“, eines Politikers der nächsten Generation. Seine Außenministerin schickte er in alle Welt, um Transparenz und Internetfreiheit anzumahnen, Millionen Dollar flossen in Programme, die Cyber-Dissidenten in Diktaturen unterstützen sollten, damit sie die Internetkontrolle ihrer Regierungen unterlaufen konnten. Jetzt muss sich ausgerechnet Obama für die ungebührliche Datensammelei seiner eigenen Regierung rechtfertigen.

          Der Militärgeheimdienst hat nicht nur Milliarden von Telefonverbindungsdaten gehortet, er hat sich offenbar auch an den Nutzerdaten von führenden Internetkonzernen freizügiger bedient als bislang vermutet. Die Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung wurden von einem geheim tagenden Sondergericht gebilligt, dessen Beschlüsse „Top Secret“ gestempelt wurden. Jetzt, da die Datensammelei ans Licht gekommen ist, „begrüßt“ Präsident Obama auf einmal „eine öffentliche Debatte“ über die Balance von Sicherheit und Datenschutz. Auf den Gedanken hätte er früher kommen können.

          Viele der besten Dienste kommen aus Amerika

          Im Fokus der Internetspionage sollen nicht amerikanische Bürger gestanden haben, sondern Ausländer. Also auch wir. Nun veröffentlichte Auswertungen legen nahe, dass der amerikanische Geheimdienst mehr Daten aus Deutschland sammelte als aus jedem anderen Land der EU. Friendly fire, sozusagen. Kann man sich davor schützen? Theoretisch ja, praktisch kaum.

          Das Internet ist durch und durch amerikanisch. Viele der besten und innovativsten Dienste kommen aus Amerika - ob Google, Amazon, Apple oder Facebook. Googles E-Mail-Dienst bietet unbegrenzten Speicherplatz, kann mühelos große Dateien versenden und ist weltweit schnell verfügbar. Dafür speichert Google, nach welchen Begriffen wir suchen und welche Ergebnisse wir anklicken. Für Amazons E-Reader Kindle gibt es das größte Angebot an verfügbaren Titeln. Man muss den Reader aber mit seinem Kundenkonto verknüpfen. So weiß Amazon, welche Bücher wir gekauft oder auch nur angeschaut haben. Und schließlich muss jeder, der ein Smartphone besitzt und es mit Programmen - Apps - bestücken will, sich im App-Store anmelden. Weil dort nach Kreditkartendaten gefragt wird, kann man sich auch nicht ohne Weiteres ein Pseudonym geben.

          Es geht nicht nur um Bequemlichkeit

          Selbstverständlich könnte man, wie Datenschützer jetzt empfehlen, auf all die genannten Dienste verzichten. Aber so einfach ist das nicht. Die Nachteile wären enorm, und es geht nicht nur um Bequemlichkeit. Die einen sind aus beruflichen Gründen auf ein Smartphone und amerikanische Software angewiesen. Die anderen sind unter sozialem Druck, in angesagten Netzwerken dabei zu sein. Je weiter das Internet unseren Alltag durchdringt, desto stärker wird der Druck. Es gehört zum Wesen des Internets, uns immer weiter hineinzuziehen.

          Das beste Beispiel ist Facebook. Unter Datenschützern ist es eher berüchtigt als berühmt. Und trotzdem machen mehr Menschen mit als in jedem anderen Online-Netzwerk. Facebook ist nicht nur so groß, weil es so beliebt ist. Es ist zugleich so beliebt, weil es so groß ist. Die sechzehn Jahre alte Schülerin, deren ganzer Freundeskreis sich bei Facebook verabredet, dort Neuigkeiten und Fotos austauscht, will natürlich auch bei Facebook sein - wo denn sonst? Nicht dabei zu sein bedeutet, außen vor zu sein. Wie „freiwillig“ ist das noch?

          Im Gefangenendilemma

          Es ist ein klassisches Gefangenendilemma: Alle wären besser dran, wenn sie ein Portal nutzen würden, das ihre Daten besser schützt. Aber diese paar alternativen Portale sind so unbekannt, dass es dort verdammt einsam ist - und deshalb bleiben alle bei Facebook. Der Wettbewerb ist außer Kraft gesetzt, weil sich die Daten nicht einfach zu einem neuen Anbieter mitnehmen lassen.

          Es geht nicht um ein paar misslungene Party-Fotos, die jemand bei Facebook einstellt, versehentlich als „öffentlich“ deklariert, und für die er sich später vielleicht bei seinem Chef rechtfertigen muss. Das soll auch vorkommen, dürfte den amerikanischen Militärgeheimdienst aber kaum interessieren. Es geht darum, wer mit wem in Verbindung steht, und sei sie auch noch so locker. Facebook registriert jeden Klick auf ein anderes Profil. Facebook weiß, mit wem seine Mitglieder wann und wie oft Nachrichten austauschen, von welchen Computern und Standorten aus. Es speichert diese Daten ohne Befristung. So wächst ein beängstigender Fundus von Daten heran. Hinzu kommen Informationen, die Facebook auch über jene Menschen sammelt, die sich dort nie angemeldet haben. Nicht einmal Abstinenz bringt also hundertprozentigen Schutz.

          Die Enthüllungen der vergangenen Tage haben vor Augen geführt, wie verwundbar wir sind. Unsere Daten liegen zum großen Teil auf amerikanischen Servern, weit weg von deutschem Datenschutzrecht. Wer sie zusammenführen kann, hält einen wahren Schatz in den Händen.

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