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: Das schwache Geschlecht

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Als Peggy Noonan das erste Mal Ground Zero besuchte, da sah sie nicht nur Trümmer und Verwüstung. Die langjährige Redenschreiberin Ronald Reagans sah Phoenix aus der Asche aufsteigen: "Die Männer sind ...

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          Als Peggy Noonan das erste Mal Ground Zero besuchte, da sah sie nicht nur Trümmer und Verwüstung. Die langjährige Redenschreiberin Ronald Reagans sah Phoenix aus der Asche aufsteigen: "Die Männer sind wieder da." Die "New York Post" empfahl in jenen Tagen ihren Leserinnen, unter den Helfern in Ground Zero nach dem Mann fürs Leben zu suchen, und Intellektuelle wie Camille Paglia oder Susan Faludi bewunderten Bushs männliche Gelassenheit. Noch 1999 hatte Faludi dem amerikanischen Mann sein Requiem komponiert. Für ihr Buch "Männer. Das betrogene Geschlecht" war sie durchs Land gereist, hatte mit Arbeitslosen und VietnamVeteranen, mit Sportfans, Medienleuten und Pornostars gesprochen und überall nur Symptome einer schweren Krise gefunden. Vertrauen, Loyalität, sinnhafte Arbeit, alles dahin, und an die Stelle sozialer Anerkennung nützlicher Tätigkeit sei eine "ornamentale Fassade" getreten - das Ende der "superdominance".

          Unter Faludis Fallstudien hätte sich auch die eines Versicherungsangestellten aus Omaha, Nebraska, finden können, eines gewissen Warren Schmidt, dessen Leidensgeschichte mit seinem letzten Arbeitstag im Büro begonnen hätte. Apathisch sitzt er in seinem leergeräumten Büro, den Blick starr auf die Wanduhr gerichtet, die den letzten Feierabend seines Lebens anzeigt. Mit der Abschiedsparty beginnt die große Dämmerung. Es warten einsame Tage im Fernsehsessel, neben einer Ehefrau, bei deren Anblick er sich fragt: "Wer ist die alte Frau in meinem Haus?" Warren Schmidt ist weder unternehmungslustig noch selbstbewußt. Er weiß nicht, was er will, und will eigentlich nicht, was er tut. Kein rüstiger Pensionär, der an sein Golf-Handicap denkt; da ist nur ein dumpfes Gefühl, sein Leben nicht gelebt zu haben. Jahrzehntelang lang hat er die Lebenserwartungen seiner Klienten errechnet, doch von sich selbst weiß er kaum mehr, als daß er laut Statistik noch neun Jahre zu leben hat, was verdammt viel ist, wenn einem die große Leere entgegengähnt.

          Warren Schmidt ist der typische Mann aus dem Mittleren Westen, und er ist der müde Held von Alexander Paynes Film "About Schmidt". Der Film ist ungefähr so weit von Louis Begleys Roman entfernt wie der Hauptdarsteller Jack Nicholson von all den vielen Rollen, die er in seiner über vierzigjährigen Karriere bewohnt hat. Vielleicht ist er gerade deshalb so gelungen. Während Begley-Adepten die Vorlage schon zur Unkenntlichkeit verblaßt sahen, brachte der Autor in der "New York Times" seine Bewunderung für den Film zum Ausdruck. Das war nicht nur eine diplomatische Verbeugung, es war der sichere Blick, daß bei der Mutation des gebildeten New Yorker Anwalts Albert zum provinziellen Versicherungsangestellten Warren der Zellkern überlebt hat: die Einsamkeit, die Leere, die Unfähigkeit zu sozialen Kontakten, die emotionale Taubheit gegenüber Frau und Tochter.

          Jack Nicholson als Schmidt ist eine Erschütterung. Der alte Macho ist nicht wild, wölfisch, sardonisch - und als aktueller Lover von Lara Flynn Boyle ist er ein Witz. Mit dünnem Haar, hoffnungslos aus dem Leim gegangen, ohne alle seine Manierismen, spielt Nicholson das erste Mal einen Mann seines Alters, 65, und er kommt einem dabei vor wie einer aus Hollywoods alter Garde, der für gelegentliche Auftritte noch aus dem Pantheon ins irdische Kino zurückkehrt. Nicholson ist auch der Garant dafür, daß Paynes Film eine prekäre Balance hält: Zu satirisch, um sentimental zu werden, bringt er zugleich genug Empathie auf, um nicht zum Panoptikum stumpfer Provinzler zu werden.

          Natürlich sind Helden ohne alle Heldenattitüde im amerikanischen Kino nichts Neues. Selbst ein Jimmy Stewart, der über Jahrzehnte wie kein anderer den amerikanischen Jedermann verkörperte, verfiel bisweilen in Wut und Verzweiflung. Als kleiner Angestellter in "Ist das Leben nicht schön?" (1946) wollte er sich das Leben nehmen, weil er glaubte, nichts erreicht zu haben. Doch ein Engel zeigte ihm, was seiner kleinen Stadt ohne seine Tatkraft alles fehlen würde. Solche Engel gibt es nicht mehr. Warren Schmidt hat keine heimlichen Verdienste, die er vor lauter Bescheidenheit heruntergerechnet hätte; er hat nicht mal ein Selbst, das er finden könnte. Er ist ein Mann ohne Eigenschaften, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau hilflos wie ein Kind dasteht. Und wenn er sich in das monströse Wohnmobil setzt und losfährt, ist das nicht der amerikanische Road Trip als klassisches Mittel der Selbsterkenntnis; er weiß einfach nicht, wohin.

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