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Das Problem der Abwanderung : Südosteuropa blutet aus

Im Schnitt kehrten täglich 74 Bulgaren, 79 Kroaten und 185 Rumänen ihrer Heimat den Rücken. Tag für Tag geht ein kleines Dorf. Bild: dpa

In den Ländern Südosteuropas tickt eine demographische Zeitbombe: Die Geburtenrate ist mit wenigen Ausnahmen nicht höher oder sogar noch niedriger als in Deutschland – zugleich wandern junge Menschen in Scharen nach Nordwesteuropa ab.

          Deutschland wird voller. Im vergangenen Jahr sind etwa 400.000 Menschen mehr hierhergekommen, als von hier fortzogen. Die meisten Zuzügler, fast 290.000, kamen aus Mitgliedsländern der Europäischen Union oder anderen Staaten des Kontinents. Führend in der Statistik ist Südosteuropa. Die rumänische Diaspora in Deutschland vergrößerte sich um 68.000 Menschen.

          Auch Kroaten (29.000) und Bulgaren (27.000) zieht es nach Deutschland. Im Schnitt kehrten täglich 74 Bulgaren, 79 Kroaten und 185 Rumänen ihrer Heimat den Rücken. Tag für Tag geht ein kleines Dorf.

          Der zentrale Anreiz: Arbeit

          Rumänien, Kroatien und Bulgarien sind Mitgliedsländer der EU. Albanien, Bosnien, Nord-Mazedonien, Montenegro, Serbien und das Kosovo sind es nicht, doch auch von dort kommen viele nach Deutschland. Im vergangenen Jahr gab es aus diesen Ländern insgesamt fast 50.000 mehr Zuzüge als Fortzüge.

          Der zentrale Anreiz für den Zustrom aus Südosteuropa ist Arbeit. Rumänen, Kroaten und Bulgaren können relativ leicht kommen, denn in der EU gilt Niederlassungsfreiheit. Die Zuwanderung aus den übrigen Staaten der Region funktioniert anders. Von dort kommen manche auf eigene Faust oder über informelle Netzwerke nach Deutschland. Andere werden systematisch angeworben.

          Schon seit sechs Jahren gibt es zum Beispiel „Triple Win“, ein gemeinsames Programm der Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ genannt. „Triple Win“, also dreifacher Sieg oder Gewinn, heißt das Programm auch deshalb, weil es angeblich allen Beteiligten Nutzen bringt.

          Die GIZ wirbt für ihr Vorhaben, deutschen Arbeitgebern qualifiziertes Pflegepersonal vor allem aus Serbien, Bosnien, Tunesien und von den Philippinen zu vermitteln: „Während in Deutschland Pflegepersonal fehlt, finden qualifizierte Fachkräfte im Ausland oft keine Arbeit. Dabei können Unternehmen in Deutschland, die Pflegekräfte selbst und ihre Herkunftsländer von einer Kooperation gleichermaßen profitieren.“

          Es mangelt an Ärzten und Pflegepersonal

          Klingt einleuchtend. Die Fachkräfte finden einen Job in Deutschland und senken zugleich die Arbeitslosenrate ihrer Herkunftsländer, die zudem durch Rücküberweisungen der Migranten in die Heimat profitieren.

          Doch so eindeutig ist es nicht. Die GIZ versichert, sie kooperiere nur mit Ländern, in denen ein „Überschuss“ an gut ausgebildeten Pflegekräften herrsche. Doch in Südosteuropa ist das längst nicht mehr überall der Fall, im Gegenteil. Vielerorts mangelt es an Ärzten und Pflegepersonal. Die Lage wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Das liegt auch daran, dass die Geburtenrate in diesen Ländern mit wenigen Ausnahmen nicht höher oder sogar noch niedriger ist als in Deutschland.

          Zugleich wandern junge Menschen in Scharen nach Nordwesteuropa ab, während die Löhne auf dem Balkan meist nicht hoch genug sind, um Arbeitsmigranten aus Drittstaaten anzulocken. In Südosteuropa tickt eine demographische Zeitbombe.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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