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: Das Geld der anderen mit der Seele suchen

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Die Warnung ist leicht zu überlesen: Eine Reise nach Griechenland gehört nicht mehr zu jenen außerordentlichen Glücksfällen des Lebens, welche nur einzelnen Begünstigten zuteil werden. Immer größer wird die Zahl derjenigen, welche ...

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          Die Warnung ist leicht zu überlesen: Eine Reise nach Griechenland gehört nicht mehr zu jenen außerordentlichen Glücksfällen des Lebens, welche nur einzelnen Begünstigten zuteil werden. Immer größer wird die Zahl derjenigen, welche nach der Bereisung Italiens und Siziliens sich der ältesten Heimat alles Schönen, dem klassischen Boden von Hellas, zuwenden. Freilich darf man nicht vergessen, dass zwar die Säulenpracht hellenischer Architektur auch heute noch, trotz aller Zerstörungen durch Zeit und Menschenhand, unmittelbaren Zauber ausübt, dass man aber zur Würdigung der meisten auf griechischem Boden erhaltenen Werke der antiken Skulptur immerhin einiger Vorbereitung bedarf.

          Bis zum Ersten Weltkrieg waren es noch sechs Jahre hin, und im Gewächshaus seines Vaters träumte ein pubertierender Ernst Jünger von Afrika, als im Verlag von Karl Baedeker in Leipzig das "Handbuch für Reisende" zu Griechenland erschien. Heute ist ein alter Baedeker, der "Lonely Planet" für höhere Töchter und bessere Herren der vorvorigen Jahrhundertwende, eine bibliophile Rarität. Das Bemerkenswerte ist: Viele Beschreibungen eignen sich immer noch als praktischer Ratgeber für den Griechenlandreisenden von heute. Der vornehm verharmlosende Ratschlag von 1908, es bedürfe zu einer Reise nach Griechenland "einiger Vorbereitung", ist weiterhin gültig. Dass die akribischen kulturhistorischen Beschreibungen ebenfalls Bestand haben, versteht sich von selbst, denn die Ruinen von damals sind eben immer noch Ruinen, nur 100 Jahre älter. Man vermeide in der kühleren Jahreszeit alles Sitzen im Schatten, namentlich auf den kalten Steinen der Ruinen. Doch wer heute mit einem Baedeker von 1908 durch das Land reist, wird gewahren, dass nicht nur der Marmor, sondern auch gewisse Sitten und Usancen der Griechen allen Zeitläuften glücklich zu widerstehen vermochten, um es in der Sprache des Baedeker zu sagen.

          Frau Dehning sagt das auch, allerdings in der unaufgeregten Art ihrer norddeutschen Herkunft: "In diesem Land geschehen Dinge, die in Nordeuropa nicht vorkommen." Reinhild Dehning stammt aus Schneverdingen im Landkreis Soltau-Fallingbostel. Das Städtchen ist staatlich anerkannter Luftkurort und Schauplatz des größten Heimatfestes der Lüneburger Heide. Wenn es nicht Unsinn wäre, könnte man behaupten, Schneverdingen sei das Gegenteil von Piräus, dem größten Hafen Griechenlands. Von Piräus aus verkehren die Fähren zu den Inseln, und im gewerblichen Teil des Hafens kommen die Importgüter an, die Griechenland benötigt, um sein riesiges Leistungsbilanzdefizit aufrechtzuerhalten. Von Schneverdingen nach Piräus, das ist ein großer Schritt. Als die Diakonin ihn wagte und im Jahr 2002 hierherkam, um die Leitung der Deutschen Seemannsmission zu übernehmen, brauchte sie einige Zeit, um sich an ihren neuen Einsatzort zu gewöhnen. An manchen Tagen kommt es ihr auch nach all den Jahren noch so vor, als sei sie erst gestern angekommen. Vor allem, wenn sie wieder einmal Ärger mit den Behörden hat: "Da möchte man die Wände hochgehen." Derzeit betreut Reinhild Dehning die Seeleute eines Schiffes, das seit sechs Monaten etwa eine Stunde vor der Küste auf Reede liegt. Der Eigner ist bankrott und hat den Seeleuten unter einem Vorwand die Pässe abnehmen lassen. Die seit Monaten nicht mehr bezahlten Matrosen sitzen fest, ihre Klage vor einem griechischen Gericht wird verschleppt. In einem nordeuropäischen Hafen könnte so etwas nicht geschehen, sagt die resolute Frau, die früher selbst zur See gefahren ist. Von den deutschen Seeleuten, die sie an Bord der Frachter besucht, um sie mit Zeitschriften zu versorgen oder sich einfach ihre Sorgen anzuhören, weiß sie, dass Piräus sich auch in anderen Belangen von Häfen wie Rotterdam oder Antwerpen unterscheidet: "Die Seeleute sagen mir, dass hier noch eine gewisse mediterrane Gelassenheit bei der Arbeit herrscht."

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