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Das alte Persien : Unsere Gegenwart

Persische Miniatur aus dem 14. Jahrhundert Bild: Staatsbibliothek Berlin/Preußischer Kulturbesitz

Das älteste Exponat der diesjährigen documenta, eine persische Zeichnung aus dem vierzehnten Jahrhundert, ist so etwas wie ein kunsthistorischer Schlüssel zu der Kunstschau, die auf die „Migration der Formen“ setzt.

          Ein altes Kunstwerk, hat Roger M. Buergel vor kurzem gesagt, könne unter Umständen mehr über unsere Zeit sagen als „etwa ein Gemälde der Leipziger Schule“. Das älteste Exponat der diesjährigen documenta, eine persische Zeichnung aus dem vierzehnten Jahrhundert, ist dabei so etwas wie ein kunsthistorischer Schlüssel.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man sieht auf diesem Bild eine persische Landschaft; der Künstler war allerdings zuvor nach China gereist und hatte die dortige Kunst studiert, weswegen sein Bild ein Zwitter ist: Durch die nach typisch persischer Art gezeichnete Landschaft fließt ein Fluss im chinesischen Stil. Das ist es, worum es Buergel und Noack bei ihrer Idee einer „Migration der Formen“ und am Ende bei der ganzen documenta geht: um die Frage, was passiert, wenn Formen in andere Kulturkreise eindringen, sich vermischen, mutieren und für Unruhe sorgen. Die Hoffnung, dass diese Unruhe belebende und bereichernde Folgen haben kann; dass der Einbruch des Anderen die bekannten eigenen Formen neu und frisch und anders sehen lehrt: Das ist der heimliche utopische Kern der documenta 12.

          Diese Haltung erklärt auch, warum so viele Werke aus den utopiefreudigen sechziger und siebziger Jahren zu sehen sind. Sie werden hier ausgestellt wie alte, teilweise verstaubte Betriebsanleitungen für ein mögliches anderes Leben. Die Hoffnung dabei ist, dass von dem experimentellen Geist, der von der alten Zwitterzeichnung bis zu den Flügelobjekten von Charlotte Posenenske die Werke prägt, ein neuer Elan für das Sehen der Gegenwart ausgehen möge.

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