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Dallas und das Kennedy-Attentat : Hier geschieht Großes

Nach den Schüssen: Zuschauer haben sich flach ins Gras geworfen. Das Ehepaar Newman steht bis heute in der Öffentlichkeit, die Frau ganz rechts berichtete nur ihrer Familie Bild: Cecil Stoughton/The White House

Dallas sieht sich als Stadt des Aufbruchs. Aber die texanische Metropole kommt bis heute nicht klar damit, dass in ihr Präsident Kennedy ermordet wurde. Nach dem Hass kam die Scham.

          Nie zuvor hat sich Karen Moore die Mühe gemacht. Neunundvierzig Jahre und elf Monate lang sah sie keinen Grund, mit den alten Bildern, Zeitungsartikeln und Stadtplänen hierherzukommen. Nicht, dass sie die Dealey Plaza heute zum ersten Mal sähe. Sie ist zwischen den Glastürmen und Betonklötzen von Dallas aufgewachsen und fährt noch immer oft in die texanische Geldstadt, in der nun ihre Tochter Mischa wohnt. Karen Moore war vierzehn, als John F. Kennedy auf der dreispurigen Einbahnstraße am Rande der Innenstadt erschossen wurde – vor den Augen ihrer Mutter.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Doris Mumford stand nämlich nur zwei, drei Dutzend Fuß von Kennedys offener Limousine entfernt, als es passierte. „Ich sah, wie das Leben aus dem Gesicht des Präsidenten wich“, pflegte sie zu sagen, wenn die Sprache auf den 22. November 1963 kam. Aber wie weit genau war sie entfernt? Tochter und Enkelin stehen zwischen lauter Touristen und vermessen die Dealey Plaza. Wo stand der Fotograf, der Momente nach dem Anschlag die Aufnahme machte, die Karen Moore in ihrem roten Ordner abgeheftet hat? Darauf sind die jungen Eheleute Bill und Gayle Newman zu sehen, die sich nach dem dritten Schuss in Todesangst auf ihre beiden kleinen Söhne geworfen haben. Direkt daneben stehen zwei Fotografen und richten ihre Kameras auf die am Boden liegende Familie, die den Rest des Tages und einen beträchtlichen Teil ihres weiteren Lebens in Fernsehstudios verbringen wird. Am rechten Bildrand ist eine weitere Frau zu sehen, die bäuchlings auf der Böschung liegt. Sie hat nie ein Interview gegeben. „Das ist Mutter“, sagt Karen Moore. „Oma Mumford“, sagt ihre Tochter Mischa.

          Oder etwa doch nicht? Eine Mischung aus Zweifel und Empörung führt Karen Moore fünf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter und fünfzig Jahre nach der Ermordung des Präsidenten an den Tatort. Denn Mischa Mumford, die sich seit jeher durch Dokudramen, Bücher und Blogs über die Kennedys frisst und überzeugt ist, dass nicht der offiziell beschuldigte Marxist Lee Harvey Oswald den Präsidenten tötete, hat im Internet etwas Verstörendes gefunden: In einer Postille von Verschwörungstheoretikern behauptete in den achtziger Jahren eine Fremde, sie sei die Frau auf dem Foto. Von ihr fehlt jede Spur.

          Woher kam der dritte Schuss?

          Das Blättchen, das irgendjemand eingescannt und ins Netz gestellt hat, haben vermutlich nur wenige gelesen. Aber in Karen Moore brodelte es. Bei einem englischen Forensiker bestellte sie eine Gesichtsanalyse. In ihrem roten Ordner hat sie es jetzt schwarz auf weiß: „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ sei Mutter Mumford die Augenzeugin auf dem historischen Foto. Das reicht Karen Moore noch nicht: „Ich bin es Mutter schuldig, das zu klären.“ Also sind sie heute zuerst ins Museum gegangen. Es befindet sich seit einem Vierteljahrhundert im sechsten Stock des ehemaligen Schulbuchdepots, von dem aus Oswald mit einem Jagdgewehr auf den Präsidenten schoss. An die 350.000 Besucher im Jahr betrachten hier Schautafeln und Monitore. Der Bereich vor dem Fenster, hinter dem Oswald angelegt hat, musste abgesperrt werden, denn Besessene hatten ganze Backsteine aus dem Mauerwerk gelöst.

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