https://www.faz.net/-gpf-8hnf3

Der Dalai Lama im Interview : „Flüchtlinge sollten nur vorübergehend aufgenommen werden“

Möchte dort wiedergeboren werden, wo er etwas Sinnvolles tun kann: Der Dalai Lama. Bild: Reuters

Der 14. Dalai Lama findet zur Flüchtlingskrise unerwartete Worte: Es seien so viele Menschen geflohen, dass es in der Praxis schwierig werde. Deutschland könne kein arabisches Land werden.

          Eure Heiligkeit, Sie reisen sehr viel durch die Welt. Haben Sie eigentlich einen Reisepass?

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die indische Regierung gibt uns ein Registrierungszertifikat, das uns erlaubt, in Indien zu leben. Wer ausreisen möchte, kann ein Identitätszertifikat beantragen. Dies ist ein Reisedokument, das besagt, dass man ein tibetischer Flüchtling ist, der in Indien lebt. Normalerweise ist das kein Problem, nur manche Länder akzeptieren dieses Zertifikat nicht und geben uns kein Visum.

          Das heißt, Sie sind nach all den Jahren immer noch ein Flüchtling. Wie empfinden Sie die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa?

          Wenn wir in das Gesicht jedes einzelnen Flüchtlings schauen, besonders bei den Kindern und Frauen, spüren wir ihr Leid. Ein Mensch, dem es etwas besser geht, hat die Verantwortung, ihnen zu helfen. Andererseits sind es mittlerweile zu viele. Europa, zum Beispiel Deutschland, kann kein arabisches Land werden. Deutschland ist Deutschland. (lacht) Es sind so viele, dass es in der Praxis schwierig ist. Auch moralisch gesehen finde ich, dass diese Flüchtlinge nur vorübergehend aufgenommen werden sollten. Das Ziel sollte sein, dass sie zurückkehren und beim Wiederaufbau ihrer eigenen Länder mithelfen.

          In Europa gibt es eine zunehmend islamfeindliche Stimmung. Wie bewerten Sie das?

          Es sind muslimische Individuen und kleine Gruppen, die sich in ihren eigenen Ländern gegenseitig umbringen. Schiiten, Sunniten. Sie repräsentieren nicht den gesamten Islam und nicht alle Muslime. Die Liebe ist bei jeder Religion die Kernbotschaft, auch im Islam. Bösartige Leute gibt es auch bei den Buddhisten, den Christen, den Juden und den Hindus. Nur aufgrund von einigen traurigen Ereignissen, die von einer kleinen Zahl Muslime ausgehen, sollten wir nicht die gesamte muslimische Welt verurteilen.

          Wir sind hier in Dharamsala im Norden Indiens, wo Sie seit mehr als 50 Jahren im Exil leben. Ist dies auch der Ort, an dem Ihr Leben enden wird?

          Das weiß niemand. Wie Sie wissen, hat sich die Volksrepublik China im Vergleich zum China vor 30, 40 Jahren sehr verändert. Die Kulturrevolutionäre hatten dazu aufgerufen, die „vier Alten“ zu zerstören, darunter die Religion. Heute hat China die größte buddhistische Bevölkerung. Ein kommunistisches Land mit der größten Zahl Buddhisten! Viele Parteimitglieder sind nur im Kopf Atheisten, aber von der Brust an abwärts sind sie gläubige Buddhisten. Freiheit wird zum nationalen Interesse, damit jeder individuelle Bürger seine Kreativität voll ausnutzen kann. Mehrere hunderttausend Studenten, die in Amerika, Europa, auch Deutschland studieren und auch in Japan, Australien und Indien. Sie erleben, was Freiheit und Demokratie sind, Redefreiheit, Gedankenfreiheit, eine freie Presse. China, so mächtig es auch sein mag, kann nicht zu der früheren rigiden, abgeschlossenen Gesellschaft zurückkehren.

          Und dann wollen Sie zurückkehren?

          Vielleicht in ein paar Jahren. Wenn die Gelegenheit für meine Rückkehr kommt oder wenigstens einen kurzen Besuch, wäre das ein Anlass zur Freude. Die Leute, die aus Tibet hierherkommen, sagen immer: Bitte, komm. Sie wollen mein Gesicht sehen, bevor sie sterben. Millionen Tibeter in Tibet warten darauf. Auch einige Chinesen vom chinesischen Festland. Sie sagen: Bitte, vergiss uns nicht. Auf der anderen Seite gibt es ein tibetisches Sprichwort: Wo immer du glücklich bist, da ist dein Zuhause. In Indien habe ich über 57 Jahre in völliger Freiheit gelebt. Die Freiheit hat mir erlaubt, Menschen unterschiedlichster Hintergründe zu treffen, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Berufe. Wenn ich das Gefühl habe, hier aus Indien mehr zu bewirken, dann bleibe ich hier. Es ist das Land Buddhas. Und wenn ich hier irgendwann sterbe, bin ich froh. Aber bitte nicht in einem Krankenhaus an irgendeiner Fernbedienung hängend. (lacht)

          Weitere Themen

          Was passiert nach dem Brexit? Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Was passiert nach dem Brexit?

          Eine Verschiebung des Brexits wird immer wahrscheinlicher. Beim bevorstehenden EU-Gipfel befassen sich die EU-Staats- und Regierungschefs mit dem Zeitplan für den britischen EU-Austritt. Die Videografik erklärt, wie ein Austritt aus der EU funktionieren soll.

          Erdogan droht nach Moschee-Attentat mit Vergeltung Video-Seite öffnen

          Erste Opfer beigesetzt : Erdogan droht nach Moschee-Attentat mit Vergeltung

          Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sorgen für Unmut in der neuseeländischen Regierung. Erdogan hatte die Anschläge als Angriffe auf den Islam und auf die Türkei verurteilt und drohte Menschen mit antimuslimischer Gesinnung Vergeltung an.

          Topmeldungen

          Theresa May und Jean-Claude Juncker am 11. März in Straßburg

          Brexit-Frist : May will angeblich Aufschub von drei Monaten

          Nach Medienberichten will die britische Regierung die EU bitten, den Austrittstermin nur ein wenig zu verschieben. Kommissionspräsident Juncker verlangt dafür eine kaum zu erbringende Vorleistung: Das Parlament soll dem Brexit-Abkommen zustimmen.

          FAZ Plus Artikel: Terrorismus im Netz : In der Blase der Provokateure

          Kurz vor seinem Attentat in Christchurch hatte Brenton Tarrant seinen Plan im Netz angekündigt – und bekam begeisterten Zuspruch. Der islamfeindliche Terrorist in Neuseeland wurde durch die Trollkultur im Internet beeinflusst.
          Thomas Gottschalk versucht sich an einer neuen Literatursendung im Bayerischen Rundfunk.

          TV-Kritik: „Gottschalk liest?“ : Prominenz statt Kompetenz

          Die erste Ausgabe von „Gottschalk liest?“ ist ein Desaster für den Fernsehstar. Kritische Bemerkungen sind im Konzept der Sendung nicht vorgesehen, doch sowohl Publikum als auch Gäste verweigern den von Gottschalk angestrebten witzigen Grundton.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.