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Der Dalai Lama im Interview : „Flüchtlinge sollten nur vorübergehend aufgenommen werden“

Was halten Sie von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping?

Auch er ist schwer zu durchschauen. Er kommt aus einer buddhistischen Familie. Ich kannte seinen Vater, Xi Zhongxun. Er war ein guter Freund des damaligen Pantschen Lamas. Auch er musste während der Kulturrevolution Leid ertragen. Xi Jinpings Denken ist realistischer, aber es gibt eine Menge Widerstand im Establishment. Vor zwei Jahren hat er öffentlich gesagt, Buddhismus sei ein wichtiger Teil der chinesischen Kultur. Etwas Ähnliches sagte er auch in Neu-Delhi. Das ist überraschend, ein kommunistischer Anführer, der etwas Nettes über eine Religion sagt, oder nicht?

Also ist die Lage in China nicht so schlecht?

Die wirtschaftliche Situation ist im Vergleich zu der Zeit vor 1959 besser. Aber innerlich sind die Menschen sehr unglücklich. Sie leben in ständiger Angst.

Befürchten Sie, dass die Tibeter ohne Ihre Führung zu Gewalt greifen könnten?

Das ist möglich. Tatsächlich hat ein Tibeter mir schon vor 15 bis 20 Jahren gesagt, dass die Leute über 40 das Gefühl hätten, es ginge ihnen besser etwa im Vergleich zur Zeit der Kulturrevolution. Viele unter 40 seien unglücklich. Sie sagten, solange der Dalai Lama da ist, müssen wir uns an sein Prinzip der Gewaltlosigkeit halten. Danach müssen wir selbst denken. Dann erklärte ich ihm, es gehe nicht darum, meinem Rat zu folgen. Mein Denken folgt nur der Realität. Gewalt ist unberechenbar und hat negative Folgen.

In der Vergangenheit war der Widerstand der Tibeter schon einmal gewalttätig. Die CIA bildete einst Tibeter für den bewaffneten Widerstand aus. Auch Sie wurden in der Presse damit in Verbindung gebracht. Wie rechtfertigen Sie das?

Als ich im Jahr 1956 in Indien war, bestanden meine älteren Brüder darauf, dass ich nicht zurückkehren sollte. Dann hörte ich, dass mein ältester Bruder, der ein paar Jahre in Amerika verbracht hatte, Verbindungen zu einem CIA-Agenten hatte. Ich entschied mich zurückzukehren. Das war im Jahr 1957. Dann gab es im Jahr 1958 einen Aufstand in Tibet. Ich hörte, dass einige Leute von der CIA ausgebildet worden waren. Ich hatte damit nichts zu tun. Als ich im März 1959 Südtibet erreichte, sah ich einige Tibeter mit Bazookas und anderen Waffen. Ich dachte, ein paar Bazookas bringen nicht viel. (lacht) Als ich Indien erreichte, hörte ich wieder, dass in dem Gebiet von Mustang sich eine Art Guerrilla-Organisation gebildet hatte. Das war strikt geheim. Ich war da außen vor. Mein älterer Bruder, eine recht kontroverse Figur, machte das. Ich hatte damit nichts zu tun.

Gibt es Umstände, unter denen die Anwendung von Gewalt Ihrer Ansicht nach legitim ist?

Wenn die Umstände so sind, dass es keine andere Wahl gibt, und Mitgefühl die Motivation ist. Es gibt solche Geschichten in Buddhas eigener Historie. Um 499 Händlern das Leben zu retten, tötete er einen Händler. Er kalkulierte: Die Sünde, eine Person getötet zu haben, kann ich aushalten. Wenn ich es nicht tue, dann wird er 499 töten. Erstens werden so 499 Menschen sterben, zweitens wird er die Sünde tragen, 499 Menschen getötet zu haben. Also entschloss Buddha sich, die Person zu töten. Es sieht aus wie Gewalt. Aber die Motivation ist Mitgefühl. Diese Unterscheidung machen wir also. Theoretisch können wir das zwar erklären, praktisch ist es aber besser, jede Gewalt zu vermeiden. Das ist sicherer. Wie mein Freund George W. Bush: Seine Motivation war sehr aufrichtig. Er wollte Demokratie in den Irak bringen. Eine Person eliminieren. Er benutzte Gewalt. Die Folgen waren negativ. Gewalt ist unberechenbar. Deshalb besser keine Gewalt.

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