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Der Dalai Lama im Interview : „Flüchtlinge sollten nur vorübergehend aufgenommen werden“

Sie haben angedeutet, dass Sie der letzte Dalai Lama sein könnten. Wollen Sie überhaupt wiedergeboren werden?

Ja. Solange Menschen leiden, werde ich ihnen weiter dienen. Als der erste Dalai Lama sehr alt war, sagte einer seiner gelehrtesten Schüler: Nun bist du bereit, in den Himmel zu kommen. Er antwortete, im Himmel bin ich überflüssig. Ich möchte dort wiedergeboren werden, wo ich etwas Sinnvolles tun kann, wo es Leiden gibt. Aber die Frage ist, bleibt der Name Dalai Lama. Schon im Jahr 1969 habe ich in einer offiziellen Stellungnahme gesagt, die Entscheidung, ob die Institution des Dalai Lamas weitergeführt werden soll oder nicht, hängt vollkommen vom tibetischen Volk ab. Wenn also eine Situation aufkommen sollte, in der die Institution an Relevanz verloren hat, dann braucht man sie nicht mehr aufrechtzuerhalten. Außerdem habe ich schon im Jahr 2001 einen Teil der politischen Führung abgegeben. Seit dem Jahr 2011 bin ich von allen politischen Aufgaben zurückgetreten. Für 400 Jahre war der Dalai Lama automatisch der weltliche und spirituelle Führer. Die weltliche Führung habe ich freudig, freiwillig und mit Stolz abgegeben. Nur die Chinesen haben das noch nicht verstanden. Um die Zukunft des Dalai Lamas machen sich die chinesischen Kommunisten mehr Gedanken als ich.

Die chinesische Regierung will die Institution unter ihre Kontrolle bringen. Deshalb hat sie ihre Äußerungen über die Reinkarnation sogar als „Blasphemie“ bezeichnet.

Ich kann mit Gewissheit sagen, dass mein Wissen über den Buddhismus um einiges besser ist als das ihrige. (lacht)

In Ihren Instruktionen zur Wiedergeburt haben Sie festgelegt, dass die Tibeter darüber entscheiden sollen, wenn Sie das Alter von 90 Jahren erreicht haben. Halten Sie an dem Zeitplan fest?

Wir beginnen jetzt schon mit der Arbeit. Wahrscheinlich Ende dieses Jahres werden einige Diskussionen geführt werden. Wir werden Leute zusammenbringen und ihre Meinung hören. Dann nach einem oder zwei Jahren werden wir fertig sein, und ich werde mit den höchsten Geistlichen zusammentreffen, um auch ihre Meinung anzuhören. Als 14. Dalai Lama bin ich populär und habe nie Schande über mich gebracht. Mir wäre es lieber, wenn die Tradition des Dalai Lamas mit einem solchen populären und recht guten Dalai Lama enden würde.

Aber einige Ihrer Anhänger dürften traurig sein, wenn Sie das hören. Lassen Sie nicht die tibetischen Buddhisten im Stich?

Nein. Ich sage immer: Es gibt auch keine Reinkarnation Buddhas, aber seine Lehre ist nach 2600 Jahren noch hier. Das gilt auch für viele tibetische Meister. Keine Reinkarnation, keine Institution, aber ihre Lehren gelten immer noch. Es braucht dazu keine Institution.

Aber emotional wird es schwierig für die tibetischen Buddhisten.

Das ist, ehrlich gesagt, ein feudalistisches Denken. Aber das wird sich ändern. Am Anfang werden sie emotional sein. Aber solange ich lebe, kann ich ihnen noch das Gehirn waschen. Mit Argumenten, nicht mit Unterdrückung, wie es die Kommunisten tun. (lacht)

Sie haben die Kulturrevolution erwähnt, die vor fast genau 50 Jahren begann. Sie haben einmal von einer „halben Kulturrevolution“ gesprochen, die in Tibet herrsche. Was meinten Sie damit?

Das war vor der Krise im Jahr 2008, als der damalige Parteisekretär scharfe Kontrollen des Glaubens und der Religion eingeführt hat und politische Umerziehung in den Klöstern. Wegen der starken Kontrolle gab es viel geistigen Widerstand.

Und wie ist die Situation jetzt, im Vergleich zu 2008?

Im Vergleich dazu ist die Situation allgemein besser. Aber die Autonome Region Tibet steht immer noch unter strikter Kontrolle. In den Gebieten Amdo und Kham, also in Siedlungsgebieten der Tibeter in den benachbarten Provinzen, ist die Lage besser. Aber das spiegelt nicht immer die Anweisungen der Zentralregierung wider. Sogar von Bezirk zu Bezirk kann die Lage unterschiedlich sein. Manchmal kommt ein neuer Funktionär, und die Lage ändert sich schlagartig. Es ist sehr schwer vorauszusehen.

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