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D-Day : Gezeichnete Erde hinter den Landungsstränden

„Bis zum letzten Blutstropen“

Anton Herr hat sechzig Jahre gewartet, bevor er an die Orte zurückgekehrt ist, die ihn noch heute in Albträumen verfolgen. Den „D-Day“ erlebte er mit 25 Jahren als Hauptmann einer Kompanie, die zur 21. Panzerdivision südlich von Caen gehörte. Seine Panzereinheit erreichte am Nachmittag des 6. Juni die Front. „Ich hatte schreckliche Angst, im Panzer zu ersticken und bei lebendigem Leib zu verbrennen“, erinnert sich Herr. Daß er überlebt hat, empfindet er als Wunder.

Der Tod seines Schwiegervaters, Generaloberst Friedrich Dollmann, habe ihm das Leben gerettet, sagt er. Dollmann war Oberbefehlshaber der 7. Armee im Westen und sollte die Festung Cherbourg auf Befehl Hitlers „bis zum letzten Blutstropfen“ verteidigen. Der Generaloberst erkannte die Sinnlosigkeit des Führerbefehls und erlaubte den in Cherbourg stationierten Einheiten, sich zum Rest der 7. Armee durchzuschlagen und so dem sicheren Tod zu entgehen. Hitler drohte Dollmann mit einem militärgerichtlichen Verfahren und zwang ihn zu seiner Ehrenrettung zum Selbstmord.

„Warum habt ihr da mitgemacht?“

„Ich bin 30 Jahre lang in dem Irrglauben gelassen worden, mein Schwiegervater sei an Herzversagen gestorben“, sagt Herr. Das Begräbnis Ende Juni 1944 hatte aber zumindest zur Folge, daß er von der Front abgezogen wurde. „Meine Kinder und Enkelkinder haben mich immer wieder gefragt: Wie war das möglich? Warum haben wir bei diesem Gemetzel mitgemacht?“ sagt Herr. „Ich versuche ihnen zu erklären, daß meine Generation bis 1945 bei keiner freien Wahl über das Schicksal unseres Landes mitentscheiden konnte. Das sollten alle bedenken, die uns als Nazi-Generation bezeichnen.“

Für ihn bleibt das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts das Ende der Rivalität zwischen Deutschen und Franzosen. Die Pflege der Freundschaft hält er für vorrangig. Die Teilnahme des Bundeskanzlers an der „D-Day“-Feier hat er hingegen mit zwiespältigen Gefühlen aufgenommen. „Die Freundschaft wird doch nicht über die Invasion geschlossen!“

Überraschender Zulauf

Wie Anton Herr hat die Museumsleitung des „Memorial de Caen“ mehr als zwanzig Zeitzeugen, Kriegsveteranen aus Großbritannien, Amerika, Kanada und Polen, französische „Résistants“ und frühere Wehrmachtssoldaten eingeladen, die in Gesprächsrunden ihre Erinnerungen und ihre Lehren aus dem Krieg darlegen. Überall in der Normandie hat das „Mémorial“ zu sogenannten „Veillées“ eingeladen, abendlichen Erinnerungsstunden, bei denen es um das Geschehen vor 60 Jahren ging.

Vom Zulauf wurden die Veranstalter überrascht; der Gemeindesaal etwa in der Ortschaft Chambois erwies sich als zu klein für die 350 Interessierten, die gekommen waren. Mehr als 10000 Franzosen waren es insgesamt. „Zum 50. Jahrestag hatten wir ähnliche Veranstaltungen geplant, aber mit geringerem Erfolg“, sagt Francois Michaux, der für den Radiosender France Bleu Basse-Normandie an der Organisation beteiligt war. „Die Leute sind jetzt wirklich reif, sich anzuvertrauen und einander zuzuhören. Sie spüren, daß dies sicher das letzte Mal ist, daß sich diese Möglichkeit bietet.“

Botschaften des Friedens

Unter den Zeitzeugen, die sich bei den Veillees zu Wort meldeten, waren viele, die in der eigenen Familie über ihre Kriegserlebnisse geschwiegen hatten. „Ich habe das lange für mich behalten. Aber irgendwie mußte das raus“, sagt ein Teilnehmer. „Ich habe nie darüber gesprochen. Mein Sohn ist 51 Jahre alt, vor einer Woche habe ich ihm zum ersten Mal von meinen Erfahrungen erzählt“, sagt ein anderer. Jeder, der dabei war, hat seine eigenen Erinnerungen an diese Tage, doch ihre Botschaften an die Zuhörer sind immer die gleichen: Es sind Botschaften des Friedens und der Versöhnung.

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