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CSU ohne Guttenberg : Passauer Klagemauer

  • -Aktualisiert am

Mit Guttenbergs Rücktritt ist die CSU wieder die Partei Seehofers geworden Bild: dpa

Mit Guttenbergs Abgang ist die CSU - wieder - die Partei Seehofers geworden. Sie wird sich auf eine lange Zeit mit seinen Stärken und Schwächen arrangieren müssen. Viele hatten den Parteivorsitzenden, Guttenberg vor Augen, schon abgeschrieben und bereiteten sich auf eine neue Zeit vor.

          Mit dem Rückzug Karl-Theodor zu Guttenbergs aus seinen Ämtern sind die Hoffnungen der CSU zerstoben, wieder zu einem funkelnden Solitär in der deutschen Politik zu werden. Mit ihm glaubte sie, die Albträume der vergangenen Jahre – den Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern, das quälende Intermezzo mit Erwin Huber und Günther Beckstein, das Lavieren Horst Seehofers – bannen zu können. So wie der Freiherr dem grauen Alltag der Politik entrückt schien, wähnte sich die CSU vom Los befreit, eine Partei wie jede andere zu sein.

          Eine selbstverliebte Partei, die im wohligen „Mir san mir“ schwimmt, ist die CSU immer gewesen; mit Guttenberg, dem politischen Narziss aus Franken, erreichten diese Gefühle ozeanische Weiten. Um so mehr schlägt die Partei nun um sich und sieht sich von vielfältigen Plagen – missgünstigen Medien, unsolidarischen CDU-Größen, nachtragenden Professoren – um eine goldene Zukunft gebracht. Der Politische Aschermittwoch in Passau steht als überdimensionale Klagemauer bereit – und der für alle Rollen taugliche Seehofer wird den besten Hiob geben, den die CSU je hatte.

          Mit Guttenbergs Abgang ist die CSU – wieder – die Partei Seehofers geworden; sie wird sich auf eine lange Zeit mit seinen Stärken und Schwächen arrangieren müssen, auch wenn es ihr noch schwerfällt, sich damit abzufinden. Die Bürde, als Übergangsfigur zu gelten, die nur den Platz für Guttenberg frei hielt, ist von Seehofer genommen. Das Schauspiel, das sich bei der Nachfolgeregelung für Guttenberg bot, mit CSU-Granden, die panisch nach Fluchtwegen Ausschau hielten, um nicht als Minister in Berlin zu enden, sprach Bände, wie es um die personellen Ressourcen der Partei bestellt ist – und wie ungefährdet Seehofer jetzt seinen Weg gehen kann.

          Der CSU-Nachwuchs unterscheidet sich nicht von dem anderer Parteien

          Nicht, dass es der CSU an politischen Begabungen in der jüngeren Generation fehlt. Sie unterscheiden sich aber nicht vom Personal anderer Parteien; sie haben die Politik als Beruf gewählt wie andere Förster oder Arzt werden. Ihr Weg führt meist schnurgerade von der Schülerunion in Partei- und Staatsämter; sie haben die Machtausübung erlernt wie andere das Plombieren von Zähnen. Angesichts des Verglühens des politischen Kometen Guttenberg mag diese Normalität auch tröstlich sein.

          Der Anspruch der CSU, unter den deutschen und europäischen Parteien hervorzustechen, wurde in der Vergangenheit jedoch durch Führungsleute beglaubigt, die sich als Ausnahmeerscheinungen zu inszenieren wussten. Franz Josef Strauß als politische Naturgewalt, Theo Waigel als Wegbereiter der europäischen Währung, Edmund Stoiber als detailbesessener Modernisierer – sie ließen jeder auf seine Weise die Partei unverwechselbar erscheinen. Guttenberg stand ebenfalls für das Versprechen, der CSU ganz eigene Konturen zu geben.

          Mit Seehofer verbindet sich bislang keine Botschaft – nicht für die CSU, nicht für Bayern, nicht für Deutschland. So undurchschaubar er selbst langjährigen Weggefährten geblieben ist, so unberechenbar erleben ihn die Wähler auf dem Münchner und dem Berliner Parkett. Er demonstriert zwar eine gewisse Virtuosität im Umgang mit den gängigen Machtinstrumenten – mehr aber auch nicht. Dass sich die CSU an Guttenberg berauschte, war auch ein Reflex auf die Empfindung einer Leere, die der um zwei Jahrzehnte ältere Seehofer nicht zu füllen vermochte. Viele in der Partei hatten, Guttenberg vor Augen, Seehofer schon abgeschrieben und bereiteten sich auf eine neue Zeit vor.

          Solche Erwartungen schwingen in der CSU immer noch nach, wenn darüber spekuliert wird, wie rasch Guttenberg auf die politische Bühne zurückkehren könnte. Darin liegt die größte Gefahr für die CSU in der Zeit nach Guttenberg: Dass sie immer noch darauf setzt, dass ein Heros den Verlust der absoluten Mehrheit zum bloßen Zwischenfall macht, zu einer Episode in einer nicht endenwollenden Erfolgsgeschichte. Ihr droht, dass sie Seehofer weiter nur unwillig erträgt, in der Hoffnung, früher oder später werde sich Guttenberg wieder am Horizont zeigen.

          Ihren Passauer Aschermittwoch hat die CSU in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem medial-glatten Event verkommen lassen. Dieses Mal böte sich die Chance zu einer wohlverstandenen Einkehr. Für Seehofer mag es verführerisch sein, in seiner Rede die üblichen Verdächtigen zu geißeln und die vertrauten Späße zum Besten zu geben. Er könnte aber auch eine Zäsur markieren – und den Anfangspunkt für eine eigene Ära wagen, abgesetzt vom unvermeidlichen Kleinklein des Partei- und Regierungsbetriebs, bei dem mal die Nöte der Landesbank gelindert werden, mal ein Weg durch das Hartz-IV-Gestrüpp gebahnt wird.

          Gelingen kann das Seehofer nur, wenn ein Ruck durch die gesamte CSU geht. Ihr droht die Lebenslüge die Luft abzuschnüren, dass es irgendwie schon gelingen werde, wieder die absolute Mehrheit zu erringen und die alten Herrschaftsmuster neu zu beleben. Eine Partei, die auf versunkenen Glanz starrt, mag am Aschermittwoch noch Stärke simulieren; an anderen Tagen gibt sie sich der Lächerlichkeit preis.

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