https://www.faz.net/-gpf-91pw6
 

CSU : Magischer Seehofer

  • -Aktualisiert am

Horst Seehofer (CSU) Bild: dpa

Die CSU-Vorsitzende arbeitet an seinem Meisterstück – einem unsichtbaren Söder. Da kommt ihm Guttenberg gerade recht.

          Der CSU gelingt es immer wieder, dramaturgische Begabungen an ihre Spitze zu holen. Franz Josef Strauß begeisterte Generationen als Poltergeist, der die politischen Pygmäen durch das Unterholz der Bonner Republik jagte. Seine verbalen Volten wurden in Millisekunden zu geflügelten Worten. Strauß, der lieber Ananas in Alaska züchten wollte als Bundeskanzler zu werden – ganz hielt er sich nicht an dieses Versprechen –, trieb der deutschen Politik die graugesichtige Tristesse aus. Edmund Stoiber gab den bayerischen Miraculix, der noch das kleinste Alpendorf auf Augenhöhe mit Schanghai und anderen Wunderorten der Globalisierung bringen wollte. Stoiber konnte es gar nicht schnell gehen; seine Partei zog schließlich die Notbremse.

          Der dritte im Bunde der CSU-Diven – strikt geschlechtsneutral verstanden – ist Horst Seehofer. Er ist ein Magier, vor dessen Zylinder kein Kaninchen sicher ist, auch nicht, wenn es ein Adelsprädikat trägt. Wie allen Meistern dieses Genres genügen Seehofer einfachste Mittel, um die wunderbarsten Effekte zu erzielen. Eine beiläufige Bemerkung über Karl-Theodor zu Guttenberg – dieser spiele „in einer eigenen Liga“ –, schon sieht das Publikum den künftigen Bundesaußenminister, wenn nicht gar den nächsten bayerischen Ministerpräsidenten vor sich. Nicht immer war Seehofer Guttenberg so wohlgesonnen; in einer seiner früheren Glanznummern ließ er den Freiherrn als „Glühwürmchen“ durch den Bühnenraum fliegen.

          Der verlorene Sohn kehrt zurück

          Jetzt kommt ihm Guttenberg gerade recht, um lästige Störenfriede ins politische Niemandsland zu zaubern. Im Falle von Markus Söder darf es eine ferne, sehr ferne Milchstraße sein, wagt es Söder doch, mit eigenen Kunststückchen um Aufmerksamkeit zu buhlen. Die wundersame Vermehrung seines Finanzministeriums, das nun zwei Dienstsitze hat, gilt schon als Klassiker der politischen Zauberei. Was liegt für Seehofer näher, als die gute alte Geschichte vom verlorenen Sohn, der ins väterliche Haus zurückkehrt, mit Guttenberg als magisches Feuerwerk zu inszenieren. Wenn Seehofer zum Zauberstab greift, erscheint alles möglich – auch dass Guttenberg der nächste Kanzler oder der nächste Papst wird; in der eindrucksvollen Reihe seiner Vornamen findet sich schon ein programmatischer Sylvester.

          Seehofer beherrscht das Spiel mit den Emotionen. Er hat mit Guttenberg dem Wahlkampf Würze gegeben, mag es auch nur ein flüchtiges Geschmackserlebnis werden. Wenig deutet darauf hin, dass der Freiherr die Leichtigkeit des Seins, die er in seinem amerikanischen Exil genießt, dauerhaft mit deutscher Schwere vertauschen will, die schon sein Opus magnum mit dem genialen Anfang „E pluribus unum“ – „Aus vielem eines“ – so gründlich missverstanden hat. Guttenbergs Auftritte im Wahlkampf könnten ein schöner Ausflug in die frühere Heimat bleiben. Die herrlichen Bilder des Freiherrn mit Trachtenhut on top werden bei seiner Arbeit im internationalen Beraterbusiness nicht schädlich sein.

          Aber was wird aus denen, die im biederen Merkel-Land bleiben müssen? Was wird aus dem Berliner Ministertrio der CSU? Es umflort ein Hauch von Abschied, mag auch Alexander Dobrindt, dem der große Mauttrick gelungen scheint, auf ein Engagement als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag hoffen. Was wird aus Joachim Herrmann, dem CSU-Spitzenkandidaten, wenn Thomas de Maizière sich im Bundesinnenministerium verschanzt und auch Böllerschüssen bayerischer Gebirgsschützen standhält? Was wird, wenn die dialektischen Fähigkeiten der Wähler überfordert werden durch die doppelte „Garantie“, dass eine Obergrenze bei der Flüchtlingsaufnahme kommt (Horst Seehofer) und nicht kommt (Angela Merkel)?

          Ein neues Zauberprogramm soll Bayern verzücken

          Seehofer ist ein nervenstarker Magier. Anders wären die vielen Metamorphosen der CSU in seiner Amtszeit nicht möglich gewesen – von der Aussetzung der Wehrpflicht bis zum Ausstieg aus der Atomenergie. Was immer nach dem 24. September geschehen mag: Seehofer bereitet schon ein neues Zauberprogramm vor, mit dem er die Bayern verzücken will, die im nächsten Jahr einen neuen Landtag wählen sollen. Umbildung des Münchner Kabinetts lautet der Arbeitstitel. Manchem seiner Mitstreiter in der Staatsregierung fällt es im fortgeschrittenen Alter schwer, die Beweglichkeit zu bewahren, die es an der Seite Seehofers braucht. Wer gerade mühsam einstudiert hatte, Windräder kreisen zu lassen, ist konsterniert, dass sie schon wieder in der Requisitenkammer der bayerischen Energiewende verschwunden sind.

          Sein finales Meisterstück wartet auf Seehofer nach der Landtagswahl: Auf der Schwelle zu seinem achten Lebensjahrzehnt wird er sich selbst wegzaubern müssen. Seehofer wäre nicht Seehofer, wenn er es dabei beließe. Er will es noch in der Zauberhand haben, wer an seine Stelle in der Staatskanzlei und in der CSU-Parteizentrale tritt. Immerhin gibt es Zauberer, die Schwiegermütter auf offener Bühne verschwinden lassen. So schwer kann es für einen Großmagier wie Seehofer nicht sein, auf einem Parteitag Söder unsichtbar werden zu lassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.