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Cryptopartys : „Weil wir alle Terroristen sind“

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Johannes Thielen

„Cryptoparty“ heißt ein neues Veranstaltungsformat, bei dem Kundige dem Durchschnittsmenschen erklären, wie man Mails oder seinen Laptop verschlüsselt. Wegen der Datenaffären ist der Andrang groß.

          Auf dieser Party wird nicht getanzt, nicht gesungen und nur wenig Alkohol getrunken. Auch Musik wird nicht gespielt. Eine Cryptoparty ist anders. Genaugenommen ist es nicht einmal eine Party.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Es geht auf 19 Uhr zu. Vor dem Jugendkulturzentrum „Immer hin“ in Bamberg füllen sich die Fahrradständer, drinnen werden die Plätze an Stühlen und Tischen besetzt. In einem schmucklosen Raum mit Linoleumboden im ersten Stock haben sich sechzehn Interessierte versammelt, vor ihnen sechzehn Laptops. Es ist eine bunte Truppe in Jeans und T-Shirt oder Karohemd, mehrheitlich zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt. Studenten sind darunter, eine Restauratorin, ein Mitarbeiter einer IT-Abteilung. Sie sind hier, um etwas über Verschlüsselung zu erfahren - darüber, wie man sich vor der Überwachung von elektronischer Kommunikation schützen kann. Das ist das Ziel von Cryptopartys, die jetzt, da gleich mehrere Spähprogramme verschiedener Geheimdienste aufgedeckt worden sind, gefragt sind wie nie. Sie steigen in Berlin, Köln, Bonn, Stuttgart, Mannheim, Bayreuth - und eben in Bamberg.

          Vorn im Raum, zwischen der Eingangstür und vier Kabeltrommeln, ist auf einem Tisch ein Beamer aufgebaut. Daneben steht ein junger blonder Mann mit Brille und schwarzem T-Shirt. An seiner Jeans baumelt ein dicker Schlüsselbund mit einem USB-Speicherstick daran, auf dem Rücken des Hemdes prangt die Aufschrift „Big Brother is watching Tour“, darunter aufgelistet sind einige Datenskandale der letzten Jahre. Und ein paar Gesetzesvorhaben, die zu solchen Skandalen stilisiert wurden. Die Vorratsdatenspeicherung etwa.

          Fast alle fühlen sich überwacht

          Der Mann, der dieses T-Shirt trägt, heißt Stefan Betz. Er ist gelernter Elektroinstallateur und IT-Servicetechniker. Er arbeitet in einem Logistikunternehmen, beschäftigt sich mit Telefonanlagen, Videoüberwachungs- und Zeiterfassungssystemen. Betz, 29 Jahre alt, hat schon mehrere Cryptopartys geleitet. Ausweislich seines Twitter-Accounts ist er „Nerd, Biertrinker, Spammer, Textkonsolenbenutzer, Nervensäge, Kummerkasten“ - und Pirat. Seit drei Jahren ist er Beisitzer der Piratenpartei im Bezirksverband Oberfranken, aber das hängt er nicht an die große Glocke. Es soll keine Parteiveranstaltung werden heute Abend.

          Betz ergreift das Wort. „Wir sind hier, weil wir alle überwacht werden, weil wir alle Terroristen sind“, sagt er. Die Verschlüsselung der eigenen Daten sei deshalb ein Akt „digitaler Selbstverteidigung“. Dann fragt er das Publikum: „Wer von euch fühlt sich überwacht?“ Etliche Hände streben nach oben, vielleicht achtzig Prozent der Zuhörer zeigen auf. „Und wer von euch hat sich vor acht Wochen schon überwacht gefühlt?“ Wieder sind es ungefähr achtzig Prozent. „Die Paranoiden sind eben immer dieselben“, sagt Betz und grinst.

          Cryptoparty in Berlin

          Ganz kurz springt er von einem Überwachungsprogramm zum anderen, von „Prism“ („Das sind die Amerikaner“) zu „Tempora“ („Das sind die Briten“), dann wird es auch schon technisch. Es geht um die Verschlüsselung des eigenen Rechners, die bei Diebstahl desselben verhindert, dass der Dieb an die Daten kommt, und die Verschlüsselung von Internetverbindungen, die sicherstellt, dass die auf Websites eingegebenen Daten nicht von Dritten mitgelesen werden. Während des Vortrags schleicht sich ein Kollege mit schwarzem Jackett und dunkler Sonnenbrille durch die Stuhlreihen und beugt sich tief über diesen oder jenen Laptop. Der Geheimdienst ist überall, soll das heißen.

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