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Corona-Krise in Paris : Macron und der sechsfache Krieg

Emmanuel Macron während seiner Fernsehansprache am Montag in Paris Bild: AFP

In Frankreich ist Kriegsrhetorik des Präsidenten durchaus akzeptiert. Der Rückgriff von Macron auf alte Helden wird ihm deshalb auch nicht negativ ausgelegt. Erst recht, da die Menschen nun den Ernst der Lage erkannt haben.

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          Es hörte sich wie eine Generalmobilmachung an, was der französische Präsident in seiner Fernsehansprache nach den Klängen der Marseillaise verkündete. Frankreich stehe im Krieg gegen einen „unsichtbaren Feind“, schärfte er seinen Landsleuten ein und damit auch niemand die Botschaft überhöre, wiederholte er das Wort vom Krieg gleich sechs Mal.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Auch der Innenminister, der wenige Stunden nach der Fernsehansprache des Präsidenten erläuterte, was der „Krieg um Gesundheit“ genau bedeutet, gab sich martialisch. Polizei und Armee werden eingesetzt, um über die Einhaltung der Ausgangssperre zu wachen. Bei Nichtbeachtung drohen Sanktionen, von Geldbußen bis zu Haftstrafen. Im Elsass, wo die Krankenhäuser bereits überlastet sind, wird ein Feldkrankenhaus der Armee mit 30 Intensivbetten errichtet. Sanitätsflugzeuge der französischen Luftwaffe werden Covid-19-Patienten in den nächsten Wochen aus überlasteten Unikliniken in jene verlegen, in denen noch Personal und Betten zur Verfügung stehen.

          Als diese Details bekannt wurden, hatte schon eine sonderbar anmutende Flucht aus der Hauptstadt begonnen: Auf den Ausfallstraßen von Paris staute sich der Verkehr. Familien in vollgepackten SUVs, Rentner in Limousinen machten sich auf dem Weg in Landhäuser, bevor die Ausgangssperre sie daran hindern konnte. Auch an den Pariser Bahnhöfen gab es einen Run auf die letzten Hochgeschwindigkeitszüge, die Staatsbahn SNCF hatte bereits angekündigt, die Fahrkartenkontrollen einzustellen.

          Plötzlich war auch jenen der Ernst der Lage bewusst geworden, die sich zuvor über die vermeintliche Panikmache von staatlicher Seite mokiert hatten. Trotz der am Samstag verkündeten Schließung von Restaurants und Cafés waren gerade in der Hauptstadt die Leute am frühlingshaften Sonntag im Tross spazieren gegangen und hatten sich entlang des Kanal Saint-Martin, in den Tuilerien-Gärten oder im Luxembourg-Park in Grüppchen der Sonnenstrahlen erfreut – ohne sich um die Ansteckungsgefahr zu scheren. Auf den Wochenmärkten drängten sich die Leute eng an eng. Deshalb hatten führende Virologen und Mediziner die Politik aufgefordert, härter durchzugreifen. 

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          In seiner Kindheit in Amiens als Großmutters Liebling ist Macron frühzeitig durch die französische Heldenliteratur des Zweiten Weltkriegs geprägt worden. In den vergangenen Monaten hat er – zur Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr – viel Charles de Gaulle gelesen. Im vergangenen Jahr widmete er sich viel den Schriften des  Kriegshelden Georges Clemenceau, der 1929 gestorben war. Diese Einflüsse waren seiner Rede anzumerken – so befremdlich dies in deutschen Ohren klingt.

          Nicht nur der Text der französischen Nationalhymne ist streckenweise blutrünstig, Politiker rüsten in Frankreich gern sprachlich auf. Dem Staatschef, der zugleich „Chef der Streitkräfte“ ist, wird zugebilligt, dass er sich des Kriegsvokabulars bedient, um den Ernst der Lage zu betonen. Emmanuel Macrons Amtsvorgänger Francois Hollande appellierte nach den Terroranschlägen an die Einheit der Nation, indem er „den Krieg gegen den Terrorismus“ ausrief und auch gegen den „Feind von innen“ rüstete. Die Kritik an diesem Sprachbild war schon damals sehr schnell verstummt.

          Nach Macrons Kriegsrede gab es vor allem Beifall. Sogar der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der Macron gern stürzen würde, sprach von „nationaler Union“ und rief zu Solidarität auf.

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