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Demo gegen Corona-Maßnahmen : „Frieden, Frieden, Freiheit, Freiheit“

Deutlich weniger als in Berlin: Anhänger der „Querdenker“-Bewegung am Sonntag in Konstanz Bild: EPA

Nach Protesten in Berlin zog es die „Querdenker“ nach Konstanz, unter ihnen Impfgegner und Esoteriker. Sie sind überzeugt: Die Medien verbreiten nur Lügen.

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          Über dem Bodensee-Ufer in Konstanz schwebt ein weißer Luftballon mit der Aufschrift „Demokratischer Widerstand“. Eine Familie lässt unentwegt Seifenblassen aufsteigen. Die Uferwiese, die zwischen dem Skulpturen-Grenzzaun zur Schweiz und dem Konstanzer Aquarium liegt, haben die „Querdenker“ sofort zum Platz der Freiheit umbenannt. Am Sonntagmorgen beginnen die Gegner der Pandemie-Politik ihre Kundgebung mit einer Art Gottesdienst, dann reden Ärzte, eine ehemalige ZDF-Journalistin, Schweizer Youtuber und Leute, die die „Querdenker“ für maßgebliche Köpfe ihrer Bewegung halten. Auch der frühere ARD-Fernsehpfarrer Jürgen Fliege ist angekündigt. Gegen Mittag lassen dann etwa 2500 Menschen ihrem Unmut und Frust über die Pandemie-Politik der etablierten Parteien freien Lauf. Fast niemand trägt einen Mund-Nasen-Schutz, das Abstandsgebot wird großzügig interpretiert.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Michael Ballweg, der Gründer der „Querdenker“-Bewegung, ist an den Bodensee geflüchtet, nachdem es ihm bei der Berliner Großdemonstration misslang, das Abstandsgebot zu Rechtsextremisten und Reichsbürgern innerhalb seiner Bewegung durchzusetzen. Vielen Rechtsextremisten war der Weg an den Bodensee tatsächlich zu weit, nur einige Mitarbeiter des rechtspopulistische Magazins „Compact“ haben sich unter die Demonstranten gemischt. Jan Welsch, ein SPD-Gemeinderat und Mitorganisator der Gegendemonstrationen, will auch Mitglieder der „Identitären Bewegung“, Fans des Radiosenders „Ken FM“ sowie Sympathisanten der rechtsextremen „Proud Boys“ unter den Demonstranten entdeckt haben.

          „Rechtsradikale sind heute nicht mehr so einfach zu identifizieren“, sagt Welsch. In der Nähe des Einkaufszentrums Lago hat er mit örtlichen Jusos einen Stand aufgebaut. Er verteilt „Querdenken – Nein Danke“-Aufkleber sowie Aufklärungsbroschüren über Atemwegsinfekte. Großen Absatz finden die Broschüren nicht, denn die Demonstranten sind felsenfest davon überzeugt, dass die Pandemie-Politik übertrieben und dass die verordneten Masken des Teufels sind.

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          Jeder noch so provozierende Satz wird am Konstanzer Seeufer lauthals bejubelt. „Je mehr Menschen ohne Masken einkaufen, desto eher ist die Pandemie beendet“, verkündet zum Beispiel Daniel Langhans, ein Mitorganisator der „Querdenker“-Bewegung. Ein Schweizer Arzt behauptet auf der Konstanzer Bühne: „Es sollte ein Maskenverbot geben, die Menschen sollten maximal 1,5 Meter Abstand halten, sonst funktioniert die Herdenimmunität ja nicht.“ Zum Schutz vor dem Virus reiche eine gesunde und vitaminreiche Ernährung.

          Hang zum alternativen Leben

          Ein anderer Redner, ebenfalls ein Mediziner, schimpft auf das „Drosten-Theater“, fordert eine Schweigeminute für die Kinder, die durch die Maskenpflicht gestorben seien. Ein Impfgegner behauptet, die Herden-Immunität gebe es in Deutschland schon. Die Menschen sollten sich wehren gegen eine Impfung gegen Corona auf Basis eines mRNA-Impfstoffs. Tobias Schmid vom „Bundesverband Impfschaden“, ein häufiger Redner auf Anti-Pandemie-Demos, sagt, die Regierung fälsche Studien, die Bewegung werde diese „Lügen- und Staatsoper“ nun bald beenden. Ein Mitglied der Grünen beklagt, dass er in seinem Kreisverband „abgewürgt“ werde, wenn er auf alternative Studien zu Sars-Cov-2 hinweise. Die ehemalige ZDF-Journalistin und Moderatorin der Kritiker-Runde fragt, ob man angesichts der vielen guten Youtube-Filme über die wahren Hintergründe der Pandemie „die Medien“ überhaupt noch brauche; ein anderer Teilnehmer der sogenannten Podiumsdiskussion sagt, man dürfe den „verfickten Medien“ nicht die Alleinschuld geben.

          Unter den Zuhörern sind Impfgegner, Esoteriker, Anhänger der Naturheilkunde, viele Demonstranten würde man wegen ihrer Neigung zum alternativen Leben wohl eher bei den Grünen als bei der CDU vermuten. Ein Unternehmer, der aus Aschaffenburg angereist ist, hält die Pandemie-Politik für völlig übertrieben. Auf seinem Smartphone hat er die Statistiken des Robert-Koch-Instituts gespeichert. „Der Staat lässt sich einen einzelnen Covid-Toten 100 Millionen Euro kosten. Es sind in den vergangen vier Monaten 271 Menschen an Covid gestorben, die Politik basiert doch nur auf Falschinformationen“ sagt er. Ein 56 Jahre alter Bankangestellter aus Frankfurt beobachtet das Demonstrationsgeschehen mit etwas Distanz. Die Berliner „Querdenker“-Kundgebung sei die erste Demonstration gewesen, an der in seinem Leben teilgenommen habe. „Ich werde von den Parteien, die jetzt im Bundestag sind, keine mehr wählen. Aus Misstrauen ist bei mir ein totaler Vertrauensverlust geworden.“

          Die grüne Landtagsabgeordnete Nese Erikli nahm an den Demonstrationen am Samstag teil, um die Menschenkette der „Querdenker“ zu verhindern. Sie ist besorgt über diese neue Bewegung: „Der Pressesprecher der ,Querdenker‘ will eine eigene Verfassung ausarbeiten lassen, um das Grundgesetz abzuschaffen, weil es Besatzungsrecht ist.“ Das habe nichts mit sachlicher Kritik an den Corona-Maßnahmen zu tun. Als die Technik auf der Veranstaltung der „Querdenker“ am Bodenseeufer mal kurz ausfällt, rufen sie „Frieden, Frieden, Freiheit, Freiheit.“

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