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Chronik : Soviel Wortmüll war nie - Unwörter von 1991 bis 2003

  • Aktualisiert am

„Kollateralschaden” Bild: dpa

„Ich-AG“ war das „Unwort“, welches für das Jahr 2002 ausgesucht wurde. Eine Chronik der „Unwörter“ von 1991 bis 2002.

          5 Min.

          Ein Rückblick auf bisherige „Unwörter“ erhellt schlaglichtartig die gesellschaftliche Diskussion der letzten Jahre.

          Tätervolk (2003)

          In einer Rede hatte der katholische CDU-Abgeordnete Martin Hohmann aus Fulda rhetorisch mit dem Begriff „Tätervolk“ hantiert und im Kontext mit der bolschewistischen Revolution die Juden erwähnt.

          „Wohlstandsmüll”
          „Wohlstandsmüll” : Bild: dpa

          Begründung der Jury: grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potentiell möglicher Vorwurf gegen Juden bei Martin Hohmann schlicht antisemitisch.

          Weitere Nominierungen: Angebotsoptimierung, Abweichler

          Ich-AG (2002)

          Im Sommer 2002 hatte der Arbeitsmarkt-Reformer Peter Hartz in seinem Papier ein Fördermodell zum Start in die Selbständigkeit „Ich-AG“ genannt.

          Begründung der Nominierung: Die Jury rügt die „lächerliche Unlogik“ der Wortbildung und sieht sie als „Beleg für zunehmende Versuche, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden“. Menschliche Schicksale würden so auf ein „sprachliches Börsenniveau“ herabgestuft.

          Weitere Nominierungen: Ausreisezentrum, Zellhaufen

          Häufigste Nennungen: Achse des Bösen (253), Lufthoheit über den Kinderbetten (79)

          Gotteskrieger (2001)

          Begründung der Nominierung: Die Bezeichnung für Taliban-Kämpfer oder Al-Qaida-Terroristen ist nach Ansicht der Jury "weder als Selbstbezeichnung noch als Fremdbezeichnung durch deutsche Medien hinzunehmen". Es handele sich um eine Selbstbezeichnung von Verbrechern, die den Namen Gottes für sich in Anspruch nähmen. Vor allem der Gebrauch dieser Bezeichnung in akustischen Medien lasse oft jede kritische Distanz zum pseudoreligiösen Anspruch des Worts vermissen.

          Weitere Nominierungen: Kreuzzug, Topterrorist

          Häufigste Nennung: uneingeschränkte Solidarität (121)

          National befreite Zone (2000)

          Der zynische Begriff umschreibt Orte in den östlichen Bundesländern, aus denen "durch terroristische Übergriffe Ausländer und Angehörige anderer Minderheiten vertrieben wurden" und in denen Einwohner durch Einschüchterung daran gehindert werden, sich zu wehren.

          Begründung der Jury: "National befreite Zone" werde zwar nicht erst seit dem vergangenen Jahr benutzt, habe aber vor dem Hintergrund "eines allgemeineren Bewußtwerdens extremistischer Gefahren von Rechts im letzten Jahr bundesweite Aufmerksamkeit gefunden". Der Begriff sei auf doppelte Weise zynisch: Zum einen heroisiere er ein extremistisches und gewalttätiges Sektierertum als "national", zum anderen gebe er die Verfolgung von Menschen als "Befreiung" aus.

          Weitere Nominierungen: überkapazitäre Mitarbeiter, Separatorenfleisch

          Häufigste Nennung: Leitkultur (140)

          Kollateralschaden (1999)

          Als „collateral damage“ bezeichnete ein Nato-Sprecher die zivilen Opfer der Nato-Bombenangriffe im so genannten „Kosovo-Konflikt“. Ins Deutsche übertragen, wurde daraus das Wort „Kollateralschaden“, das schließlich auch in den Duden aufgenommen wurde.

          Begründung der Nominierung: Mit „imponierender Schwerverständlichkeit“ deute das Wort „militärische Verbrechen in einem nicht erklärten Krieg als belanglose Nebensächlichkeiten“. Die vollständige Übersetzung in „Randschaden“ oder „Seitenschaden“ sei bewusst vermieden worden.

          Weitere Nominierungen: k. A.

          Häufigste Nennungen: Kollateralschaden (266), Millennium (69), soziale Gerechtigkeit (64)

          Sozialverträgliches Frühableben (1998)

          Der Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, verwendete diese Wortschöpfung in einer Stellungnahme zu den Sparplänen der Bundesregierung im Gesundheitsbereich.

          Begründung der Nominierung: Das „sozialverträgliche Frühableben“ sei zwar „an sich eine witzige Formulierung, aber wenn man sie in der Öffentlichkeit gebraucht, schlägt sie in blanken Zynismus um.“ Ironie sei an dieser Stelle unangebracht, ärztliches Handeln mit dieser Formulierung „deutlich in die gedankliche Nähe zu leidvollen Erfahrungen mit dem NS-Euthanasieprogramm gebracht“ worden.

          Weitere Nominierungen: Belegschaftsaltlasten, Humankapital

          Häufigste Nennungen: Gegenfinanzierung (34), Ökosteuer, Steuerschlupfloch

          Wohlstandsmüll (1997)

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