https://www.faz.net/-gpf-2fra

Chronik : Soviel Wortmüll war nie - Unwörter von 1991 bis 2003

  • Aktualisiert am

In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ bezeichnete Helmut Maucher, Präsident des Verwaltungsrats im Nestlé-Konzern, arbeitsunwillige, arbeitsunfähige und sogar kranke Menschen als „Wohlstandsmüll“.

Begründung der Nominierung: Mit der Bezeichnung sei „ein (hoffentlich letzter) Gipfel in der zynischen Bewertung von Menschen ausschließlich nach ihrem Marktwert erreicht.

Weitere Nominierungen: Blockadepolitik, Organspende

Häufigste Nennungen: Rechtschreibreform (132), Elchtest (80), Steuerschlupfloch (62)

Rentnerschwemme (1996)

Begründung der Nominierung: Das Wort erwecke den „falschen und inhumanen Eindruck“, es handele sich bei der gestiegenen Zahl der Menschen mit Anspruch auf eine angemessene Altersversorgung um eine nicht vorhersehbare Naturkatastrophe, gegen die man sich notfalls auch mit unpopulären Maßnahmen schützen müsse. Es stehe in der Reihe unangemessener Naturbilder in sozialpolitischen Debatten, zu denen auch „Asylantenflut“ und „Schülerberg“ gehören.

Weitere Nominierungen: Umbau des Sozialstaates, Gesundheitsreform

Häufigste Nennungen: Sparpaket (122), Rechtschreibreform (98), Kids (66)

Diätenanpassung (1995)

Wortschöpfer und Umstand: Unter leidenschaftlicher Diskussion der Öffentlichkeit haben die Abgeordneten des Deutschen Bundestages die „Anpassung“ ihrer Diäten beschlossen.

Begründung der Nominierung: Der negative Eindruck, den die Diätenerhöhung erweckt hat, sei durch die Bezeichnung „Anpassung“ beschönigt worden. Das Wort spiegele „eine fast naturnotwendige, unausweichliche Veränderung von finanziellen Forderungen im Hinblick auf neue Sachbedingungen“ vor.

Weitere Nominierungen: Altenplage, biologischer Abbau

Häufigste Nennungen: Diäten, Diätenerhöhung (152)

Peanuts (1994)

Nach dem Zusammenbruch des Immobilienunternehmens Schneider bezeichnete der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, den entstandenen Verlust in Höhe von 50 Millionen Mark als „Peanuts“.

Begründung der Nominierung: Die als „Peanuts“ bezeichneten Gelder hätten vor allem kleineren Firmen für bereits erbrachte Leistungen zugestanden. Ihr Ausbleiben habe die Firmen an den Rand des Ruins getrieben. Die Äußerung sei nur in Bezug zur Höhe von 50 Millionen Mark einmalig. Ansonsten sei es in Banken gängige Praxis, die Einlagen und finanziellen Probleme von Kleinanlegern herablassend zu benennen. Das Wort „Schalterhygiene“ bezeichne beispielweise die Abweisung finanziell schwacher Kunden, die ein Konto eröffnen möchten.

Weitere Nominierungen: Besserverdienende, Dunkeldeutschland, Buschzulage

Häufigste Nennungen: rotlackierte Faschisten, rote Socken

Überfremdung (1993)

Die Bezeichnung wurde bereits im Dritten Reich verwendet.

Begründung der Nominierung: Bis 1934 habe das Wort in rein betriebswirtschaftlichem Sinne den Umstand bezeichnet, dass zuviel fremdes Geld in einem Unternehmen eingesetzt würde. Danach habe das Wort das „Eindringen Fremdrassiger“ oder „fremden Volkstums“ bezeichnet.

Weitere Nominierungen: Kollektiver Freizeitpark, Sozialleichen

Häufigste Nennungen: Kollektiver Freizeitpark (51)

Ethnische Säuberungen (1992)

Die kriegsführenden Gruppen auf dem Balkan nutzten den Euphemismus zur Bezeichnung von Massenmord und Vertreibung. Zahlreiche deutschsprachige Medien übernahmen diese Propagandaformel ohne kritische Distanz. In Zeitungen wurde sie ohne Anführungszeichen, im Rundfunk ohne ein kennzeichnendes „so genannt“ verwendet.

Begründung der Nominierung: „Ethnische Säuberung“ stehe auf einer sprachlichen Stufe mit anderen Bezeichnungen, in denen Hygiene-Ideale verwendet werden, wie „Rassenhygiene“ und „politische Säuberung“.

Weitere Nominierungen: weiche Ziele, Abklatschen

Häufigste Nennungen: k. A.

Ausländerfrei (1991)

Die Parole ist durch die ausländerfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda bekannt geworden.

Begründung der Nominierung: Die Koppelung des Wortes „frei“ mit einer Benennung für Menschen statt mit einer für sächliche Gefahrenquellen ( „unfallfrei“, „staubfrei“) habe eine speziell deutsche Tradition. Das Wort entspreche dem vor 1945 gebräuchlichen Begriff „judenfrei“.

Weitere Nominierungen: durchrasste Gesellschaft, intelligente Waffensysteme

Häufigste Nennungen: Ossi, Wessi (20)

Weitere Themen

„Das haben wir anderen voraus“

Diktatwettbewerb : „Das haben wir anderen voraus“

Das Finale des großen Diktatwettbewerbs steht bevor. Zusammen mit Schülern und Lehrern stellt sich diesmal der Bestseller-Autor Bastian Sick der orthographischen Herausforderung.

Gabriel übernimmt Vorsitz von Merz

Atlantik-Brücke : Gabriel übernimmt Vorsitz von Merz

Nach zehn Jahren an der Spitze des Vereins zur Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen macht Merz den Weg für den ehemaligen Außenminister frei. Gabriel will dem Verhältnis nun neue Impulse geben.

Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten Video-Seite öffnen

Fragestunde im Bundestag : Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten

Bei ihrem letzten großen Auftritt vor der Sommerpause hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag den Fragen der Abgeordneten gestellt. Dabei stellt sie klar, dass eine globalisierte Weltordnung eine Wahrnehmung der Interessen anderer Staaten erfordere.

Topmeldungen

Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.