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Christoph Achenbach : Nur 100 Tage arbeitslos

  • -Aktualisiert am

Christoph Achenbach Bild: dpa

Die Arbeitslosigkeit währte nicht lange. Als Christoph Achenbach seinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, mag er sich gedacht haben: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

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          Die Arbeitslosigkeit währte nicht lange. Als Christoph Achenbach seinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, mag er sich gedacht haben: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Der frühere Chef der Karstadt-Quelle AG, der nach entwürdigendem Gezerre mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Middelhoff am 7. April in Essen das Handtuch warf, wird am 1. September in die Geschäftsführung der Pforzheimer Versandhausgruppe Robert Klingel GmbH + Co KG eintreten. Nur etwa 100 Tage hat der siebenundvierzigjährige Achenbach seit seinem erzwungenen Abgang beim angeschlagenen Karstadt-Quelle-Konzern verstreichen lassen, bis er die neue Aufgabe annahm. Wobei diese neue Arbeit mehr seiner beruflichen Erfahrung und persönlichen Neigung entsprechen dürfte als die kein Jahr währende Kurzkür auf dem Chefsessel von Karstadt-Quelle.

          Beim größten Textilhändler und zehntgrößten Handelskonzern Deutschlands ist der an der Universität Köln am Lehrstuhl "Handel und Absatz" promovierte Diplombetriebswirt nicht etwa gescheitert, weil ihm zu der außerordentlich schwierigen Sanierung nichts einfiel. Der introvertierte Münsteraner pflegt seine Arbeit sehr gründlich und unaufgeregt zu erledigen. Selbst bei schwierigsten beruflichen Herausforderungen zeigt der dreifache Vater mehr Familiensinn, als man dies von anderen Spitzenmanagern kennt. Der dynamische Auftritt eines Medienstars ist ihm zuwider. Seinem damaligen Chefaufseher und Altersgenossen, der ebenfalls in Münster Betriebswirtschaft studierte, sich dann aber mit einem Medienthema promovierte und im Medienkonzern Bertelsmann Karriere bis auf den Chefsessel machte, war diese Attitüde in der schwierigen Lage von Karstadt-Quelle verständlicherweise zuwenig. So arbeitet Middelhoff nun selbst Schritt für Schritt das von Achenbach entwickelte und ihm selbst genehmigte Sanierungskonzept ab, nur in erhöhtem Tempo und weniger medienscheu.

          Der neue Arbeitgeber sollte Achenbach besser liegen. Denn bei Klingel beschränkt sich die "Öffentlichkeitsarbeit" auf die Programmpräsentation in den Katalogen und im Internet. Das 1923 gegründete Familienunternehmen ist ein Universalversender mit einem selbst in der Branche nur vage bekannten Umsatz. Extern wird die Gruppe auf etwa 800 Millionen Euro Umsatz geschätzt. Die Klingel-Geschäftsführung selbst spricht von mehr als 1 Milliarde Euro. Die Differenz mag im Auslandsgeschäft in Skandinavien und einigen deutschen Nachbarstaaten begründet sein. Mit weitem Abstand zu Quelle-Neckermann und Otto ist das Familienunternehmen damit in der Versandhandelsbranche immerhin die Nummer drei. Auch Klingel bleibt mit einem eher biederen und auf untere Preiskategorien spezialisierten Programm nach Ansicht von Handelsfachleuten vom schrumpfenden Versandhandelsgeschäft in Deutschland nicht verschont. Jedoch heißt es, das familiengeführte Unternehmen behaupte sich ganz ordentlich am schwierigen Markt.

          Somit erwartet Achenbach offensichtlich keine neue Sanierungsaufgabe. Er soll gemeinsam mit dem neunundfünfzigjährigen Wolfgang Panteleit in der Geschäftsführung als Co-Sprecher die operative Verantwortung übernehmen. Das ist für ihn ein vertrautes Feld. Nach der wissenschaftlichen Ausbildung ist Achenbach 1989 bei Quelle in Fürth eingetreten. In diesem Familienunternehmen hat er sich in weniger als zehn Jahren aus dem Unternehmensbereich "strategische Planung" über diverse Managementstationen in den Vorstand des Versandhandelskonzerns Quelle hochgearbeitet. 2001 wurde er zunächst Quelle-Chef und wenige Jahre später auch Vorstandsmitglied bei Karstadt-Quelle. Anfang 2002 begab er sich mit seiner dritten Aufgabe auf den Schleudersitz des Vorstandsvorsitzenden der Neckermann AG, auf dem sich seine sieben Vorgänger im Schnitt weniger als zwei Jahre behaupten konnten. Auch wenn er am Ende das Vertrauen der Großaktionärin Madeleine Schickedanz verlor, zeugt seine Karriere im Karstadt-Quelle-Konzern davon, daß er sich als Handelsfachmann und Teamspieler in Familienunternehmen zu entfalten weiß.

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