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Christian Wulffs Buch : Eine Abrechnung, die keine sein soll

  • -Aktualisiert am

Christian Wulff stellt sein Buch vor Bild: Lüdecke, Matthias

Es ist wie früher: Die Medien warten auf ihn, die Fotografen knien sogar nieder für das beste Bild. Dann präsentiert Christian Wulff sein Buch. Es soll „keine Abrechnung“ sein. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

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          Einmal ist es noch wie früher, einmal hat er die Berliner Medien noch um sich, ohne dass sie auf seinen Rücktritt warten. Die erste Gruppe der Fotografen steht am oberen Ende der Auffahrt, die zur Bundespressekonferenz führt, manche knien für das bessere Foto sogar nieder. Unten auf dem Bürgersteig steht an diesem heißen Dienstagnachmittag um kurz vor 16 Uhr Christian Wulff. Er ist auf dem Weg zur Vorstellung seines Buches mit dem Titel „Ganz oben. Ganz unten“, erschienen bei C. H. Beck. Hinter der ersten Gruppe von Fotografen und Kameraleuten wartet die zweite, im Saal um die Ecke stehen sie zu Dutzenden, inmitten von 150 oder mehr Journalisten. Ganz so wie zu den Zeiten, da Wulff noch von den Medien profitierte, nichts gegen deren Aufmerksamkeit hatte, wenn nur Bilder und Texte in seinem Sinne waren.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Doch das ist lange her. Seit die Journalisten sich für die falschen Sachen interessierten, für seinen Hausbaukredit, seine Freunde, seine Hotelrechnungen, hat Wulff sie als die Schuldigen ausgemacht für seinen Sturz aus höchster Höhe: vom ersten Mann des Staates zum früheren Bundespräsidenten. Das Buch, so wird er sagen, sei „keine Abrechnung“. Es sei die Sicht des „Hauptbetroffenen“, die für das Verständnis des Geschehens „unabdingbar“ sei. Doch schon das „Grußwort“ des Lektors, der Wulffs Auftritt vorbereitet, lässt ahnen, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Der Mann vom Beck-Verlag feuert die ersten Breitseiten auf die Medien ab, beschwert sich über den Ton der Vorberichterstattung zum Buch. Die war allerdings kaum möglich, da der Verlag das Werk – wie angekündigt – erst nach der Pressekonferenz am Dienstag rausrückte.

          Wulff, dem sich die hinter ihm liegenden zwei Jahre tief ins Gesicht gegraben haben, weist erst noch einmal darauf hin, dass er vor Gericht ohne Wenn und Aber freigesprochen worden sei. Anschließend gibt es einen kurzen Hieb gegen die Staatsanwaltschaft Hannover. Dann aber bereitet er die vor ihm sitzenden und stehenden Journalisten auf die Lektüre seines gut 250 Seiten starken Werks vor. „Sie sind Bestandteil meines Buches“, sagt der einstige Präsident. Er kündigt an, dass er unterscheiden wolle zwischen den Vertretern des Qualitätsjournalismus, den es in Deutschland gebe, und den anderen. Namen von Zeitungen und Zeitschriften werden genannt. Und dann ein Satz wie in die Mauern des Schloss Bellevue gemeißelt: Die Medien setzen sich an die Stelle der Justiz. Gut zu wissen, dass es sich nicht um eine Abrechnung handelt.

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