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Christenverfolgung : Religionsfreiheit

Ansicht des Koptischen Klosters in Brenkhausen bei Höxter Bild: dapd

Der Konflikt zwischen Islam und westlicher Welt ist schwerer zu begreifen als andere. Ihm liegt die Frage zugrunde, welche Norm in einer Gesellschaft für das Verhältnis zum Absoluten gelten soll. Die Antwort des Westens lautet dabei bisher scheinbar selbstverständlich: Religionsfreiheit.

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          Seit einem Jahrzehnt ist für jedermann ersichtlich, dass die Spannungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt größer werden. An vielen Orten, wo Islam und Christentum aufeinanderstoßen, fließt inzwischen Blut. Der Anschlag auf die koptischen Christen in Alexandria muss vor allem deshalb alarmieren, weil er so absichtsvoll auf deren religiöse Praxis zielte. Islamisten haben den Kopten ihren Fanatismus damit exemplarisch vorgeführt. Die Botschaft war allerdings bereits zuvor verstanden worden: Viele orientalische Christen haben ihre Heimatländer, in denen sie bereits lebten, als diese noch nicht zum Kerngebiet des Islam gehörten, verlassen.

          Nun ist ein Mensch nicht nur Christ, Atheist oder Muslim, sondern zugleich immer auch ein Armer oder ein Reicher, ein Anhänger oder ein Kritiker der Regierung. Gewaltsame Konflikte entzünden sich nur selten an einem einzigen Merkmal menschlicher Identität. Und doch deutet einiges darauf hin, dass die Christen im Orient in den Strudel einer Konfrontation hineingezogen werden, in dem die Religionszugehörigkeit zum entscheidenden Punkt geworden ist.

          Gleichzeitig verschärft sich in zahlreichen Ländern Europas und in Amerika der Ton gegenüber muslimischen Einwanderern. Die Diskussionen über Burka-Verbote, den Bau von Moscheen, die Bildungsferne von Muslimen und Sozialtransfers schlagen allerdings – darin liegt der Unterschied – nicht in Gewalt um. Dennoch sind auch sie Teil einer globalen Konfrontation, in dem eine Provokation schnell zu Aufwallungen eines Mobs auf anderen Kontinenten führen kann.

          Dieser Streit ist schwerer zu begreifen als andere Konflikte, weil die Interessen weniger handfest sind. Fast scheint es, als habe sich ein weltumspannender Rechenschieber der Weltanschauungen gebildet, bei denen Gruppen, zum Beispiel die Kopten, wie die Kugel auf einer Stange verschoben werden. Die Christen im Orient können so kurzerhand mit dem „Westen“ verrechnet werden, durch den sich viele Muslime bedrängt und in Frage gestellt sehen.

          Die Antwort des Westens auf den Konflikt lautet: Religionsfreiheit

          Dem Konflikt liegt unter anderem die Frage zugrunde, welche Norm in einer Gesellschaft für das Verhältnis zum Absoluten gelten soll. Die Antwort des Westens lautet dabei bisher fast einstimmig und scheinbar selbstverständlich: Religionsfreiheit. Nach Anschlägen fordert man deshalb regelmäßig von der islamischen Welt deren Achtung ein. Im besten Fall nicken die angesprochenen Autoritäten dann eilfertig mit dem Kopf. Doch darf man sich nicht täuschen: In der Frage der Religionsfreiheit dürfte das prinzipielle, gegenseitige Unverständnis eher die Regel als die Ausnahme sein.

          Denn die im Westen maßgebliche Auffassung der Religionsfreiheit ist eine Folge der abendländischen Kirchenspaltung des 16. und 17. Jahrhunderts, die mit Kriegen und Vertreibungen einherging. Religionsfreiheit ist ein eher unbeabsichtigtes Ergebnis dieser Geschichte. Sie kam auch deshalb zustande, weil sich große Utopien religiöser, weltanschaulicher Eindeutigkeit nicht mit Erfolg gegen Abweichler durchsetzen ließen. Inzwischen kann sich im Westen sowohl eine ausreichend große Mehrheit der Bevölkerung als auch die Mehrzahl der Religionsgemeinschaften mit diesem Resultat anfreunden.

          Der Mensch bestimmt selbst, was er glaubt

          Die Autorität in Fragen der Religion und der Moral liegt somit nicht mehr bei den religiösen Institutionen, sondern ist auf das Individuum übertragen worden. In diesem Rahmen meint Religionsfreiheit dann in konfessionsneutraler Formulierung: Der Mensch bestimmt selbst, wie er sich zu seiner Endlichkeit verhält.

          Es ist diese inhaltliche Unbestimmtheit der Religionsfreiheit, die zu der Unsicherheit darüber führt, ob der Konflikt nun zwischen Islam und dem „säkularen Westen“ oder zwischen Islam und „Christentum“ ausgetragen wird. Von dieser Unsicherheit sind nicht nur Muslime betroffen. Denn auch die Vorstellung, die Lösung für den Konflikt „Religion gegen Religion“ laute „keine Religion“, verliert aus dem Blick, dass Religionsfreiheit nicht nur von religiösen Menschen fortwährend in Anspruch genommen wird.

          Im Islam kann von Religionsfreiheit nicht die Rede sein

          Religionsgeschichtlich betrachtet, ist dieses westliche Modell eine Revolution – wer es für den zivilisatorischen Normalfall hält, bezahlt dies mit Illusionen im Blick auf andere Gesellschaften. Obwohl die islamische Welt unter den Fanatikern in ihren Reihen selbst wohl am meisten zu leiden hat, kommt dort eine Mehrheit bislang nicht darüber hinaus, unter Religionsfreiheit lediglich ein Zugeständnis der Mehrheit an eine Minderheit zu verstehen. Dass Religionsfreiheit als eine Konsequenz aus der conditio humana verstanden werden kann und auch aus religiösen Gründen befürwortet werden könnte, kommt dort nur selten in den Blick. Das zeigt sich etwa im Mangel an Bereitschaft auf muslimischer Seite, sich nach Anschlägen auf Andersgläubige mit den Opfern öffentlich solidarisch zu zeigen.

          Solange im Islam Gewalt gegen Andersdenkende in den meisten Fällen lediglich mit der Begründung verurteilt wird, die Täter verstießen mit ihren Mordtaten gegen Schriftstellen des Koran, kann von Religionsfreiheit nicht die Rede sein.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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