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Christenverfolgung : Um des Glaubens willen

Ausgegrenzt: Gläubige Christen sind weltweit von Ablehnung und Verfolgung betroffen. Bild: dpa

Christen seien die am stärksten verfolgte religiöse Gemeinschaft, ist für ein christliches Hilfswerk klar. Hundert Millionen Menschen seien – auch in Europa – betroffen, schätzt die Organisation.

          Welches ist global die am stärksten verfolgte Gemeinschaft? Ganz klar seien das die Christen, sagt Lars Adaktusson, schwedischer Christdemokrat und Mitglied des Europaparlaments kürzlich auf einer Tagung in Wien über „Christen in Bedrängnis“. Weit mehr als 100 Millionen Menschen in der Welt werden nach Schätzungen der Organisation „Open Doors“ verfolgt, weil sie sich religiös zu Jesus Christus bekennen. 2016 berichtete „Open Doors“ über die Zahl von 7100 um ihres Glaubens willen ermordeten Christen; das seien fast doppelt so viele wie im Vorjahr.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Dabei seien Islamisten häufig die Verfolger der von ihnen als Ungläubige titulierten Christen (und religiöser Gemeinschaften), sagte Adaktusson. Er warnte davor, in einem Kurzschluss deshalb muslimische Gläubige individuell für Greueltaten der gewalttätigen Islamisten verantwortlich zu machen. An der unrühmlichen Spitze des von „Open Doors“ erstellten Verfolgungs-Index steht im Übrigen nicht ein muslimisches Land, sondern Nordkorea. Dass sich das Thema Christenverfolgung keineswegs auf eine Art Zusammenstoß von christlicher und islamischer Kultur reduzieren lässt, wie das mancherorts aus durchsichtigen politischen Gründen versucht wird, zeigte auch der bewegende Vortrag eines jungen Mannes aus Nordkorea bei der Tagung im Wiener Erzbischöflichen Palais.

          „Diktatorische Paranoia“

          Er war in China, wohin er vor der materiellen Not floh, in Kontakt mit Christen gekommen. Der Mann, der nicht identifiziert werden möchte, erzählte, wie er – als zurückgewiesener „Republikflüchtling“ – in Verhören als Erstes nach dem Christentum befragt worden sei. Die Vernehmer hätten sogar die Hände untersucht, um Spuren des Händefaltens, also des Betens, zu finden. Er kam mit der Behauptung durch, er sei nur eines Jobs wegen nach China gegangen; sonst hätte ihm womöglich eine Erschießung am Pfahl gedroht, wie er sie selbst als Kind habe erleben müssen. Ein Zuhörer, aus Eritrea stammend, meldete sich dazu spontan zu Wort: Das erinnere ihn sehr an die Verhältnisse in seinem Land. Auch Eritrea ist auf dem Index ganz weit oben. In beiden Ländern konstatiert „Open Doors“ „diktatorische Paranoia“ als eine der Triebfedern der Verfolgung. Anders verhält es sich mit der Verfolgung in Syrien und im Irak, Ländern, in denen das Christentum seit Anbeginn zu Hause ist. Dort sind nichtstaatliche Akteure die Verfolger (mögen sie sich selbst auch „Staat“ nennen).

          Ein EU-Land, nämlich Ungarn, hat den Posten eines Staatssekretärs zur Unterstützung verfolgter Christen in der Welt geschaffen. Staatssekretär Tamas Török berichtete, es werde Kindern ermöglicht, in Ungarn zu studieren - damit sie anschließend in ihre Heimat zurückkehrten und dort den Aufbau unterstützen könnten. Adaktusson verwies auf eine Resolution des Europaparlaments, in der von einem „Genozid“ an den Christen im Irak und in Syrien durch den IS die Rede ist. Es sei erstaunlich, was dadurch in Gang gekommen sei: Andere Parlamente (Großbritannien, Australien, Vereinigte Staaten) seien gefolgt. Untersuchungen hätten ergeben, dass die internationale Gemeinschaft ohne dieses Wort nicht tätig werde. Nun gelte es, den UN-Sicherheitsrat einzubeziehen. Jan Figel, Beauftragter der Europäischen Kommission für die Förderung von Religionsfreiheit außerhalb der EU, sagte freilich auch, Resolutionen seien gut und schön. „Aber die Regierungen sind eher still, und das ist ein Problem. Denn sie haben Macht.“ Den verletzlichsten Menschen im Nahen Osten zu helfen sei unsere Verantwortung „auch als Europäer“.

          An diesem logischen Punkt stellten die Organisatoren der Veranstaltung, an erster Stelle eine Organisation namens „Observatory on Intolerance and Discrimination Against Christians in Europe“, die Frage, wie es um Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in Europa selbst stehe. Nicht gut, befand der Rechtsanwalt Paul Coleman. Das öffentliche Eintreten für die katholische kirchliche Lehre zur Homosexualität werde mancherorts als „Hassrede“ eingestuft und ziehe staatsanwaltliche Ermittlungen nach sich. In Deutschland seien Eltern verurteilt worden, weil sie aus christlicher Überzeugung ihre Kinder zu Hause unterrichten wollten. Anderswo dürften Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen ihren Beruf nicht erlernen oder ausüben, wenn sie nicht bereit seien, an Abtreibungen mitzuwirken. Sie seien vor die Alternative gestellt: Beruf oder Glauben.

          Spitzenreiter bei der Christenverfolgung: Nordkorea geht besonders drakonisch gegen Gläubige vor – wie beim inhaftierten Missionaren Kenneth Bae.

          Ellen Kryger Fantini ging auf Fälle von Intoleranz ein, welche das „Observatory“ erfasst habe, 1800 Fälle seit 2005. Das waren beispielsweise Akte von Vandalismus gegen christliche Gräber, zerstörte Kreuze oder Figuren, abgehackte Gipfelkreuze, Schmierereien auf Kirchen, die teilweise auch drohenden Charakter hatten: „Nur eine brennende Kirche ist eine gute.“ Tatsächlich habe es auch Brandanschläge gegen Kirchen in den Niederlanden, Frankreich und Österreich gegeben. Anderswo trügen aus öffentlicher Hand geförderte Beleidigungen zur Marginalisierung bei. Im estnischen Nationalmuseum stehe eine Marienfigur, die dazu da sei, von den Besuchern getreten zu werden. In Spanien sei eine „Kunstinstallation“ aus gestohlenen geweihten Hostien (nach katholischem Verständnis ist das das Allerheiligste) von der Stadt Pamplona gefördert worden. Und dann seien da offensichtlich islamistisch motivierte Anschläge gegen Kirchen in Belgien, ein in Schweden aufgesprühter Schriftzug „Konvertiere oder sterbe“, der Mord am französischen Priester Jacques Hamel. José-Luis Bazán, Justitiar des Zusammenschlusses der katholischen Bischofskonferenzen in der EU, verwies auf die Belästigungen oder gar Bedrohungen, denen christliche Flüchtlinge in der Umgebung von Unterkünften muslimischer Flüchtlinge in Europa ausgesetzt sein können.

          Zwei Seiten der Intoleranz gegenüber Christen

          So unterschiedlich gelagert die Beispiele von durchgesetzter Schulpflicht über öffentliche Verhöhnung bis hin zu Brandstiftung und Mord auch sind, die mancher im Einzelnen auch unterschiedlich beurteilen wird, zeigt sich doch insgesamt ein bedenkliches Bild, das selten ins Licht gerückt wird. Ist ein umgestürztes Grabmal, eine zerstörte Jesusstatue oder ein abgehacktes Gipfelkreuz Ausdruck einer christenfeindlichen Strömung oder nur jeweils ein dummer Akt des Vandalismus, als der das in der Regel öffentlich wahrgenommen wird? Geschändete jüdische Friedhöfe oder an Wände geschmierte Nazi-Symbole werden jedenfalls zu Recht skandalisiert als Anfänge von etwas, dem zu wehren ist.

          Eine andere Frage ist es, ob all dies in einem Atemzug genannt werden sollte mit genozidartigen Verfolgungen im Nahen Osten oder mit schwerer staatlicher Unterdrückung à la Nordkorea. Die Wiener Kommunalpolitikerin Gudrun Kugler, eine der Organisatoren, sagt, zwar werde hier eine „große Lücke überbrückt“. Aber die „subtileren Formen“ der Christenverfolgung in Europa, die bis zum „sozialen Tod“ führen könnten, würden oft übersehen. Es handle sich um zwei Seiten derselben Medaille.

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