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Christen in der Türkei : Zweifel an der Zweifelsfreiheit

Zu dem Gottesdienst kamen Vertreter aller christlichen Gemeinden, darunter auch orthodoxe und armenische Christen Bild: dpa

In kleinen Schritten bewegt sich die Türkei auf ihre Christen zu. Seinen Satz, nach dem das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehöre, konnte Christian Wulff in Tarsus an historischer Stätte überprüfen.

          Seinen vor den Abgeordneten des türkischen Parlaments geäußerten Satz, nach dem das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehöre, konnte Christian Wulff am Donnerstag an historischer Stätte überprüfen: In Tarsus, der Stadt des Apostels Paulus, nahm der Bundespräsident am vorletzten Tag seiner Türkei-Reise an einem Gottesdienst mit katholischen, protestantischen, griechisch-orthodoxen und armenischen Christen teil.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Besucher mussten von weither anreisen, denn in Tarsus gibt es keine Christen mehr. In der gesamten Türkei sollen es noch höchstens 150 000 sein - was deutlich weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung sind. Bis zur Gewährung der Religionsfreiheit gebe es noch ein Stück Weg zurückzulegen, doch sei der Gottesdienst in Tarsus ein weiterer größerer Schritt in die richtige Richtung, sagte Wulff sinngemäß nach der Feier. Auch zum Abschluss von Wulffs präsidialer Erkundungstour durch die Türkei an diesem Freitag wird die Lage der Christen wieder Thema sein: Im Istanbuler Stadtteil Phanar wird er von Bartholomaios I. empfangen, dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der formal das Oberhaupt aller orthodoxen Christen ist.

          Der wird ihm sinngemäß sagen, was er allen Gästen sagt: Das Christentum ist zwar historisch zweifelsfrei ein Teil der Türkei, aber für die lebenden Christen ist es noch lange nicht selbstverständlich, ihren Glauben in ähnlich würdigem Rahmen zu praktizieren, wie dies den Muslimen Europas möglich ist. Allerdings äußerte sich Bartholomaios unlängst zuversichtlich, dass im kommenden Jahr womöglich das Theologische Seminar auf Chalki wiedereröffnet werde. Unter anderem hatte der stellvertretende türkische Regierungschef Bülent Arinç sich dafür ausgesprochen, die historische Ausbildungsstätte wieder zu öffnen, da türkische Christen das Recht besäßen, ihre eigenen Theologen auszubilden. Doch Justiz, Behörden und Teile der politischen Opposition wenden sich weiterhin dagegen. Das Seminar war 1971 verboten worden, als alle privaten Hochschulen des Landes schließen mussten. Obwohl private Universitäten längst wieder zugelassen sind, bleibt das Priesterseminar geschlossen. Als positives Zeichen wertet man in Phanar auch die Einbürgerung von 15 Auslandsbischöfen des Ökumenischen Patriarchats vor wenigen Tagen, obschon das letztlich nur eine Art Gnadenbeweis ist und kein systematischer Schritt zur Besserstellung der Kirche. Nach türkischen Vorschriften darf das Amt des Patriarchen nur von einem türkischen Staatsbürger ausgeübt werden.

          Bundespräsident Wulff mit Ehefrau Bettina in der Paulus-Kirche in Tarsus

          Im Streit über die Pauluskirche von Tarsus hat es in jüngster Zeit Bewegung gegeben, nachdem Ali Bardakoglu, der Leiter des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten, mehrfach und unwidersprochen dafür votiert hat, das zwischenzeitlich der türkischen Armee als Lagerhaus dienende, später zum Museum umgewandelte Gotteshaus wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zu übergeben. In Tarsus erhofft man sich davon eine Belebung des Tourismus, denn als konsumierende Pilger sind Christen besonders geschätzt. Im vergangenen Monat berichteten türkische Medien, die Regierung wolle die Abhaltung von Gottesdiensten in der Pauluskirche und in gut einem Dutzend weiterer Kirchen des Landes erleichtern.

          Doch wenn es nicht allein um die Gewährung der Freiheit von Christen, sondern um die Religionsfreiheit allgemein geht, hat der türkische Staat nach Ansicht vieler noch weitaus größere Aufgaben vor sich. Den Christen des Landes einige Kirchen wieder zugänglich zu machen ist demnach eine harmlose Übung angesichts der verschwindend geringen numerischen Bedeutung dieser Minderheit. Allerdings ist die Türkei auch - und zweifelsfrei - ein alevitisches Land, nur fällt es Regierung und Behörden schwer, das einzugestehen. Die Aleviten, die die "fünf Pflichten" oder "Pfeiler" des Islams ablehnen, unter anderem die Pilgerfahrt nach Mekka oder das Fasten im Ramadan, fordern ebenfalls mehr Rechte und ein Ende der Vereinnahmung durch den sunnitischen Islam unter staatlicher Kontrolle. Bei den Aleviten handelt es sich nicht um eine kleine Minderheit - sie stellen etwa ein Viertel der türkischen Bevölkerung.

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